Rom Die Kühlschrank-Verschwörung

Der Start von Virginia Raggi ins Amt der Bürgermeisterin von Rom war bewegt. Nun wähnt die Politikerin auch noch Gegner am Werk, die ihrer Meinung nach Sperrmüll auf die Straße tragen.

Von Oliver Meiler

Im politischen Repertoire sind Verschwörungstheorien ein verlockendes Stilmittel. Man kann damit gut von der eigenen Unfähigkeit ablenken. Dumm ist nur, wenn das Publikum, das es zu überzeugen gilt, beim besten Willen keinen Mandanten erkennen kann, keine dunkle Macht, die da fies die Fäden zöge. Dann bringt das süße Gift des bemühten Komplotts öfter demjenigen das Verderben, der sich als Opfer gebärdet. Oder wenigstens Ironie, wannenweise. So widerfährt es in diesen Tagen Virginia Raggi von der Protestpartei Cinque Stelle, 38 Jahre alt und seit vier Monaten Bürgermeisterin von Rom. Ihr Start im Amt war bewegt: Intrigen, Personalnöte, Dilettantismus - alles in erstaunlicher Fülle.

Es gäbe also viel Grund für Selbstkritik. Doch Raggi wähnt mysteriöse Verschwörer am Werk, die alles daran setzten, sie zu diskreditieren. Und die dafür nächtens auch "verbeulte und verkratzte Kühlschränke" in die Straßen trügen und sie einfach dort liegen ließen, damit der Eindruck entstehe, sie habe die Stadt nicht im Griff, alles rotte und roste vor sich hin. "Ich muss schon sagen", sagte Raggi in einem viel kommentierten Interview in der Zeitung La Repubblica, "ich habe noch nie so viel schweren Müll herumliegen sehen, Sofas und Kühlschränke - ist doch merkwürdig." Im Wort "merkwürdig" schwingt das Komplott mit. Sie wurde gefragt, ob sie denn wisse, wer die Kühlschränke genau so entsorge, dass es ihr schade. "Ach, das weiß ich nicht", sagte sie. Sie wisse nur, dass man sie daran hindern wolle, Rom zu verändern.

Nun ruft man ihr zu: "Dann versuch's doch mal mit Regieren!" Der Hohn ist beißend, aber auch lustig. Er läuft unter den Schlagwörtern "Frigo-Gate" und "Kühlschrank-Komplott".

Dass so viel Sperrmüll herumliegt, rührt nämlich vor allem daher, dass die städtische Abfallgesellschaft Ama ihren Abholdienst für alte Möbel, Fernseher, Waschmaschinen und Kühlschränke vor vier Monaten aus unerfindlichen Gründen eingestellt hat. Noch vor Raggis Wahl. Sie hätte danach genug Zeit gehabt, den Dienst wieder einzuführen. Nun muss man den großen Müll selber in eine der vierzehn "Ökologieinseln" bringen, wie die Stadt ihre Deponien hochtrabend nennt. Und das ist vielen Römern zu viel Aufwand. Es gibt Firmen, die gegen Geld Keller und Dachböden leeren, Baustellen räumen und den Ramsch wegbringen - irgendwohin. So wuchsen illegale Müllhalden am Rand der großen Ausfallstraßen, auf den Piazze in der Peripherie, auch im Zentrum der Stadt.

Die Römer hatten immer ein schwieriges Verhältnis zu ihrem Müll, schon in der Antike. Ihr Sinn für die Pflege des öffentlichen Raums ist nie gereift. Sagen sie selber. Gute Politik bekommt das Problem aber einigermaßen in den Griff. Beppe Grillo, der Parteichef der Cinque Stelle, ist offenbar gerade dabei, die Geduld mit Raggi zu verlieren. In Rom spielt die Bewegung um ihre Zukunft: Geht sie in Amateurhaftigkeit unter, schwindet auch die Aussicht, dereinst Italien zu regieren. Bereits kursiert das Gerücht, die Parteispitze könnte Raggi das Symbol mit den fünf gelben Sternen entziehen, damit sie das Image nicht weiter beschädige. Noch so eine Verschwörung, diesmal in der eigenen Familie.