Religion Heiliger Burn-out

Wie belastend ist Seelsorge für die Seelsorger? Wissenschaftler haben das untersucht und rausgefunden: Viele Priester empfinden den Zölibat als schwere Belastung.

Von Matthias Drobinski

Seelsorger sollen sich um die Seelen sorgen, so einfach ist das und so schwer. Ein Seelsorger soll es der Traditionsseele recht machen und der Modernistenseele. Er soll für Junge und Alte da sein, für Fromme und Zweifler. Er soll beten, predigen trösten und verwalten, das kann ihn an seine Grenzen führen. Wie geht es also den Seelsorgern? Ein Forscherteam um den Psychiater und Jesuitenpater Eckhard Frick von der Hochschule für Philosophie in München hat nun 8600 Frauen und Männer befragt, die in der katholischen Kirche als Pfarrer oder Diakon, Pastoral- oder Gemeindereferent arbeiten; 4200 sind Priester. Noch nie ist das katholische Personal in Deutschland so umfassend erforscht worden.

Mit dem Ergebnis könnten die Bischöfe und Personalchefs der katholischen Kirche im Grunde ganz gut leben: Die Lebenszufriedenheit der Seelsorger ist insgesamt vergleichbar mit der von Menschen in anderen akademischen Berufen, viele empfinden ihr Leben als stimmig, ihre Arbeit als lohnend und sinnvoll. Ein Drittel hat sehr gute seelische Ressourcen und bewältigt Stress problemlos, 14 Prozent sind Burn-out-gefährdet, das ist, sagen die Autoren der Studie, "eher niedriger als in vergleichbaren Berufsgruppen" wie Ärzten, Lehrern oder Sozialarbeitern.

Wenn da nicht die Priester wären, denen ihre Kirche ein eheloses Leben abverlangt. Zwei Drittel von ihnen berichten von positiven Erfahrungen mit dem Zölibat, ein Drittel jedoch "gibt explizit an, dass sich der Zölibat belastend auf ihren Dienst auswirkt". Ein Viertel würde diese Lebensform nicht mehr wählen, ein weiteres Viertel zeigt sich unentschlossen. Mehr als die Hälfte bezeichnet den Verzicht auf Sexualität, Partnerschaft und Kinder als "besondere Herausforderung".

Natürlich seien auch viele Priester glücklich und zufrieden, betonen die Autoren. Sie seien aber "durchschnittlich emotional labiler und weniger verträglich". 24 Prozent der Priester sind psychosomatisch belastet, bei den Pastoralreferentinnen und -referenten sind es lediglich 16 Prozent. Die Erfahrungen mit "zwischenmenschlicher Innigkeit" sei "innerhalb der Gruppe der Priester extrem heterogen", heißt es; Schwierigkeiten gebe es auch "bezüglich der Akzeptanz der eigenen sexuellen Orientierung".

Das deckt sich mit den Erfahrungen derer, die praktische Seelsorge an den Seelsorgern betreiben. "Es gibt Priester, die gut mit dem Zölibat leben, aber es gibt doch auch viele mit Problemen", sagt Wunibald Müller, der seit 25 Jahren in Münsterschwarzach das Recollectiohaus leitet, eine Einrichtung für Priester und Ordensleute mit seelischen Schwierigkeiten. Gefährdet seien vor allem jene Priester, die unfähig zu tiefen und innigen Freundschaften seien. Auch die Erkenntnis der Studie, dass viele Kirchenangestellte ihre Arbeit mögen, aber mit der Institution hadern, kommt ihm bekannt vor.

Eckhard Frick, der Leiter der Studie, möchte mit der Untersuchung "die Diskussion anstoßen", wie er sagt, "über das, was Seelsorger stark macht und was ihnen Probleme bereitet". Für Wunibald Müller dagegen ist klar: Der Pflichtzölibat muss weg. Das hat er jetzt auch Papst Franziskus geschrieben: "Hier bedarf es eines Befreiungsschlages. Die Zeit dafür ist reif."