Wissenschaftsgeschichte:Wie Nietzsche die "erlogene Rassen-Selbstbewunderung" geißelte

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Lewis Cass, der Mann, der die Cherokee auf dem "Trail of Tears" (1834) nach Westen schickte, bei dem Tausende starben, war ein Offizier und Politiker und keineswegs zufällig zwecks Bekämpfung der Ureinwohner zum dilettierenden Philologen geworden: die (falsche) Behauptung, dass sie angeblich keine Relativpronomina besäßen, galt ihm nicht nur als Grund, sie zu einer "defekten" Rasse zu erklären, sondern gehörte in ein weit gespanntes Raster sprachhistorischer Scheidungen zwischen minderen und überlegenen Rassen.

Der französische Diplomat und Schriftsteller Arthur de Gobineau wollte, wie Markus Messling zeigt, Frankreich retten, indem er eine stark idealisierte Aristokratie mit einer Hierarchie der Sprachen verband.

Und Max Müller, Professor für Vergleichende Religionswissenschaften in Oxford, suchte, so formuliert es sein Kommentator Christopher Hutton, nach der "gemeinsamen Abstammung des englischen Soldaten und des dunklen Bengali" in der Figur des "Ariers", die er ausschließlich in der Sprache konstituiert sieht.

Was die Philologie im 19. Jahrhundert an anthropologischen und historischen Erkenntnisse hervorgebracht habe, schreiben die Herausgeber zu Beginn des Buches, seien keine "weichen", sondern zumindest scheinbar "harte" Wissensbestände gewesen, die sich leicht dem "Überlegenheitsdenken" der europäischen Nationen hätten einfügen lassen.

Das stimmt vermutlich, und in Rekonstruktion solcher ideologischen Verbindungen liegt der größte Nutzen dieser Anthologie. Doch zugleich muss es auch anders gewesen sein: Denn auch den Sprachwissenschaftlern des 19. Jahrhunderts entgeht nicht, dass Sprache und Rasse nicht nur nicht dasselbe (und sich schon gar nicht wie Variable und Konstante zueinander verhalten), sondern grundsätzlich verschiedene Dinge sind.

Wilhelm Schlegels Auseinander der Sprachen wird von Wilhelm von Humboldt revidiert, zugunsten von Individualitäten, zwischen denen nicht zu werten sei. Lewis Cass muss seine Vorstellung der indianischen Sprache gegen die sich entwickelnde amerikanische Sprachwissenschaft behaupten.

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