Putin-Interview in der ARD:Eingestehen, ausweichen, verallgemeinern

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Wladimir Putin im ARD-Interview

ARD-Mann Hubert Seipel mit Russlands Präsident Wladimir Putin

(Foto: dpa)

Wladimir Putin erklärt einem deutschen Journalisten seine Sicht auf die Ukraine-Krise - danach schlägt bei "Günther Jauch" die Stunde der Russland-Erklärer. Eine seltsam verkrampfte Veranstaltung.

Von Hannah Beitzer

Hat er das wirklich gesagt? Schon bevor das Interview des Journalisten Hubert Seipel mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin überhaupt ausgestrahlt wird, an diesem Sonntagabend in der Sendung von Günther Jauch, rauscht die Frage durch die sozialen Netzwerke. "Nachdem die Krim Russland beigetreten ist...": So soll Seipel eine Frage an Putin eingeleitet haben - glaubt man einer englischen Mitschrift des Gesprächs auf der Webseite des Kreml, die bereits vorab online stand.

Beigetreten? Westliche Journalisten umschreiben die Ereignisse auf der Krim für gewöhnlich anders, nämlich so wie Seipel es dann in der Fernseh-Ausstrahlung des Gesprächs auch tut: Annexion. Von "Beitritt" ist keine Rede, auch in der NDR-Mitschrift nicht: "Sie haben die Krim annektiert", sagt Seipel demnach.

Übersetzungsfehler? Missverständnis? Redigatur? Zensur? Oder hört jeder einfach das, was er hören möchte? Angeblich, so steht es schließlich auf Twitter, soll Seipel die Frage im Nachhinein umformuliert haben. Trotzdem: Diese kurze Verwirrung ist beispielhaft für das, was in der Jauch-Sendung mit dem vorgeschalteten Zweier-Gespräch passiert. Wladimir Putin erklärt Seipel seine Sicht der Dinge - und danach sitzt ein Haufen deutscher Experten in einer Runde beisammen und erläutert die eigene.

Verkrampftes Interview-Setting

Schon das Setting ist maximal verkrampft. Während des Zweier-Gesprächs sitzen der Journalist und der Präsident wie angeklebt in ihren Sesseln, die Übersetzungs-Kopfhörer in den Ohren, während in einem kleinen Bildschirm die Jauch-Talkrunde aus Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, WDR-Chefredakteurin Sonia Mikich, der Historiker Heinrich August Winkler und Hubert Seipel selbst eingeblendet wird. Rechts unten der Westen.

Seipel traf den russischen Präsidenten nicht zum ersten Mal. Er hat ihn bereits für die vielbeachtete Dokumentation "Ich, Putin" begleitet. Der Film zeigte den kühlen Präsidenten in vermeintlich privaten Momenten, ganz nah. Zu nah, kritisieren viele, die reinste Hofberichterstattung. Aber immerhin näher als die meisten anderen deutschen Journalisten dem Präsidenten kommen. "Seine Position ist nicht besonders anerkannt im Westen", sagt Seipel heute therapeutisch über Putin - die Untertreibung des Jahres. Warum so vorsichtig? "Ich bin nicht der missionarische Typ."

Und so ähnelt das Interview einer von Putins Fernsehansprachen, in denen er sein eigenes Volk regelmäßig über seine Sicht der Dinge aufklärt. Seipel fungiert eher als Stichwortgeber denn als aktiver Gesprächspartner. "Und was ist die Frage?", fragt der russische Präsident einmal.

Taktik der Verallgemeinerung

Putin präsentiert dabei wohlbekannte Erklärungen für die Ukraine-Krise: Es ist die Nato, die Expansion betreibe, nicht Russland, immerhin sind amerikanische Stützpunkte "in der ganzen Welt verstreut". Das Assoziierungsabkommen zwischen EU und Ukraine bedroht die russische Wirtschaft. Der Umsturz in der Ukraine war ein "Putsch", mit dem gegen eine unter Vermittlung von EU-Außenministern verhandelte Vereinbarung verstoßen wurde. Die Abspaltung der Krim hingegen ist vergleichbar mit der Situation im Kosovo. Und die Sanktionen der EU gegen Russland helfen im Endeffekt der russischen Wirtschaft - weil die endlich gezwungen ist, Waren selbst herzustellen, anstatt sich immer nur auf Öl und Gas zu verlassen.

Aber immerhin. Das Interview bietet einen guten Überblick über die Kommunikationstaktik des russischen Präsidenten. Putin kann...

  • ... Eingeständnisse, die eigentlich keine echten Eingeständnisse sind. "Unsere Streitkräfte - sagen wir es offen - haben die ukrainischen Streitkräfte blockiert, die auf der Krim waren", sagt er. Aber natürlich aus gutem Grund: "Um Blutvergießen zu vermeiden." Und immerhin habe es nicht nur einen Parlamentsbeschluss gegeben, sondern sogar eine Volksabstimmung. "Was ist Demokratie? Das Recht des Volkes auf Selbstbestimmung", sagt Putin.
  • ... gut ausweichen. Auf die Frage, wer eigentlich den prorussischen Separatisten ihre Waffen liefert, antwortet er: "In der modernen Welt werden Menschen, die einen Kampf führen und die diesen Kampf aus der eigenen Perspektive als gerecht empfinden, immer Waffen finden."
  • ... und verallgemeinern: "Die Ukraine ist ein schwieriges Land."

Ebenso vertraut ist dem Zuschauer inzwischen das, was nach dem Zweier-Gespräch passiert: Die Talkshow-Gäste widmen sich der Putin-Interpretation und Russland-Erklärung. Stimmt der Vergleich mit dem Kosovo? Ist da was dran mit der Kritik an der Nato? Oder haben die osteuropäischen Länder zurecht Angst vor Russland? Sitzt Putin "fest im Sattel"? Wo liegen die historischen Fehler im Umgang mit Russland? Und über allem schwebt wie immer die Frage: Was will Putin?

Natürlich wolle Russland ein gutes Verhältnis zu den Nachbarn, sagt der. Man müsse "die Standpunkte annähern, dann müssen wir - ich sage jetzt etwas, was vielleicht auch in Russland nicht jeder gerne hören wird - versuchen, einen einheitlichen politischen Raum in diesen Gebieten zu schaffen." Er sei bereit sich "in diese Richtung zu bewegen, aber nur gemeinsam." Das könne gelingen, immerhin hätten Europa und Russland die vergangenen Jahre schon einige Schritte in die richtige Richtung gemacht.

Allerdings verschweige der Westen, dass die ukrainische Regierung im Osten der Ukraine alle vernichte, "sämtliche politischen Gegner und Widersacher." Tadelnder Blick. "Wollen Sie das? Wir wollen das nicht. Und wir lassen es nicht zu." Was heißt das nun konkret? Eine Antwort darauf gibt es heute nicht, wird es vermutlich so schnell nicht geben. Aber trotzdem, vielen Dank für das Gespräch.

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