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Psychologie:Demo-Dilemma

Protestieren Aktivisten zu radikal, schaden sie mitunter den eigenen Zielen - selbst bei den eigenen Anhängern.

Von Sebastian Herrmann

Die Augen des Mannes sind vor Angst geweitet. Zu seinen Füßen tobt eine Meute, die ihn zu fassen bekommt und vom Dach einer Londoner U-Bahn zerrt. Jubel brandet auf, als der Mann auf dem Bahnsteig landet. Die Szene stammt aus dem Oktober 2019, als die Aktivisten von Extinction Rebellion während der Rushhour die U-Bahn in London lahmlegten, indem sie die Dächer der Züge besetzten. Sie wollten Aufmerksamkeit für den Kampf gegen den Klimawandel provozieren. Die ausgebremsten Berufspendler fanden die Aktion hingegen wenig sinnvoll - und zerrten den Aktivisten vom Dach, damit die U-Bahn wieder fahren konnte.

Die Szene fand als Video große Beachtung in den sozialen Netzwerken; und in ihr steckt all das, was Psychologen um Matthew Feinberg von der Universität Toronto als "Aktivisten-Dilemma" bezeichnen. Protestbewegungen brauchen Aufmerksamkeit, um einen Effekt zu haben. Und extreme Aktionen liefern besondere Bilder oder Videos, die dann verbreitet werden. Blockaden, Ausschreitungen, Vandalismus oder wie, derzeit zu sehen, geköpfte oder gestürzte Statuen liefern solche Bilder, die oft ein großes Publikum finden. Das Dilemma für Aktivisten besteht nun darin, dass diese Bilder zwar Aufmerksamkeit hervorrufen, aber die Unterstützung für sie und ihr politisches Anliegen messbar beschädigen. Das gelte auch für Beobachter, die für die Ziele der Aktivisten an sich aufgeschlossen seien, wie die Forscher im Journal of Personality and Social Psychology berichten.

Diese Aussagen stützen Experimente im Labor. Die Wissenschaftler konfrontierten Hunderte Probanden mit Texten, Bildern oder Filmen echter sowie hypothetischer Protestaktionen zu unterschiedlichen Themen. Darunter waren Tierschützer, Trump-Gegner, Anti-Abtreibungsaktivisten sowie die "Black Lives Matter"-Bewegung. Stets galt es, unterschiedliche Formen des Protestes zu bewerten. Skandierten Demonstranten zum Beispiel Slogans, die zur Gewalt gegen die Polizei aufriefen, blockierten Straßen oder zerstörten Geschäfte, reduzierte das die Unterstützung für ihr Anliegen, ganz egal, wie edel dieses war. Friedliche Proteste, die Eigentum sowie den Alltag anderer Menschen respektierten, fanden hingegen stärkeren Zuspruch bei den Probanden.

"Soziale Bewegungen sind dann erfolgreich, wenn sie identitätsstiftend auf Beobachter wirken", sagen die Psychologen um Feinstein. Es brauche in der breiten Masse das Gefühl, dass das irgendwie die eigenen Leute sind, die da protestieren und sich für etwas einsetzen, um sich innerlich anzuschließen. Beobachter empfänden Vandalismus und Aufrufe zu Gewalt oder Vandalismus aber oft "als unmoralisch", sagt Feinstein. Dies schaffe kritische Distanz zu Protestbewegungen und reduziere auch die generelle Unterstützung zu den entsprechenden Themen.

Die Wissenschaftler fanden auch Hinweise darauf, dass dieser Zusammenhang vielen Aktivisten gar nicht bewusst ist. Wer von der moralischen Unbedingtheit seines Zieles überzeugt ist, wird quasi betriebs- oder protestblind und wundert sich, wenn Menschen zornig oder mit Ablehnung auf Vandalismus reagieren - oder ihn, wie in London geschehen, plötzlich von der U-Bahn zerren.

© SZ vom 22.06.2020

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