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Psychologie:Also ehrlich

"Das hat ein Freund von einem Freund selbst erlebt": Was Gerüchte glaub­würdig wirken lässt.

Wenn eine Seuche um den Globus zieht, dann infizieren Viren oder Bakterien den Körper und Gerüchte die Köpfe der Menschen. Das verhält sich - natürlich - auch im Fall des Coronavirus aus China so, das gerade die Nachrichten dominiert. Im allgemeinen Geraune kann es dann sein, dass einem ein Bekannter ein paar der wilden Behauptungen weitertratscht, die er seinerseits irgendwo aufgeschnappt hat. Dieser Jemand könnte dann erzählen, dass die Situation in Wuhan ja angeblich viel dramatischer sei, als an die Öffentlichkeit dringe. Da kippten die Leute in der Straße reihenweise tot um, also ehrlich, das habe ein Bekannter von einem Freund erzählt, der selbst geschäftlich in China gewesen sei. Das ist zwar Unfug, geistert aber trotzdem als Hintergrundgeraune durch die elektronische Weltöffentlichkeit und lässt sich nicht einfangen.

Gerüchte seien wie Torpedos, schrieb der Sozialwissenschaftler Robert Knapp einst in einem viel zitierten Beitrag über die Psychologie des Phänomens: "Sobald sie gestartet sind, rasen sie aus eigener Kraft voran." Ein Treibstoff dieser infektiösen Behauptungen ist die vermeintliche Quelle - je glaubwürdiger diese klingt, desto effektiver verbreiten sich Gerüchte. Und offenbar, so berichten französische Kognitionsforscher um Hugo Mercier in einer Studie, erzielt schon die gängige Behauptung diesen Zweck, eine Geschichte stamme vom Freund eines Freundes. Diese Quellenangabe wirkt offenbar wie ein Universalschmierstoff auf die Verbreitung von Gerüchten. Das ist erstaunlich, denn als abgegriffene Floskel sollte man sie doch eigentlich als Warnhinweis wahrnehmen, dass eine nun folgende Geschichte unglaubwürdig ist.

In zahlreichen Versuchen mit knapp über 2000 Teilnehmern fanden die Forscher um Mercier aber Hinweise darauf, dass der Freund eines Freundes als Quelle die Plausibilität eines Gerüchtes leicht erhöhe. Die Teilnehmer waren zudem eher bereit, die Geschichte weiterzutratschen, als wenn sie ohne Ursprung erzählt worden war. Auch historische Beispiele sprechen dafür, dass die Freund-eines-Freundes-Behauptung wirkt. 1969 grassierten zum Beispiel Gerüchte in der französischen Stadt Orléans, wonach jüdische Händler junge Frauen kidnappten, eine Episode, die später im Detail beforscht wurde. Wer entsprechende Geschichten weitererzählte, legte diese dem Vater eines Freundes, der als Polizist an Ermittlungen beteiligt sei, in den Mund oder verwies auf ähnliche Konstruktionen.

Gerüchte gedeihen dann besonders gut, wenn Angst und Unsicherheit herrschen. Sie erfüllen das Bedürfnis nach Erklärung, indem sie unübersichtliche Situationen scheinbar vereinfachen. Und sie stillen die menschliche Sucht nach Aufmerksamkeit: Wer Gerüchte weitererzählt, kann sich als Eingeweihter profilieren. Zudem erfülle die Freund-von-einem-Freund-Floskel eine weitere Funktion, schreiben die Kognitionsforscher um Mercier: Sie schütze die Reputation. Wenn nämlich ein Gerücht als reine Fantasie entlarvt wird, befreit einen dies vom unmittelbaren Vorwurf, selbst ein Lügner zu sein. Aber der Freund von dem Freund, der den Kram erzählt hat, der ist echt ein Idiot, ehrlich.

© SZ vom 01.02.2020

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