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Prozess zur Elbvertiefung:Forellen gegen den Hamburger Hafen

Sonnenaufgang in Hamburg

Der Hamburger Hafen: Unverzichtbarer Wirtschaftsfaktor und Stolz der Stadtbewohner

(Foto: dpa)

Vordergründig geht es um den Tiefgang der Schiffe und die Anpassung der Elbe. Tatsächlich aber geht es im Prozess vor dem Bundesverwaltungsgericht um eine Grundsatzfrage: Was ist wichtiger, Wirtschaft oder Umweltschutz?

An sonnigen Abenden zieht es die Hamburger hinaus an den Elbstrand, sie graben die Füße in den Sand und genehmigen sich ein Feierabendbier, während vor ihnen die großen Pötte vorbeiziehen, hoch wie ein Häuserblock, lang wie vier Fußballfelder. Diese gewaltigen Containerschiffe, die in den vergangenen Jahren immer gewaltiger wurden, sind hier vor allem eines: eine atemraubende Kulisse.

Global betrachtet sind sie der Motor der Globalisierung. Sie transportieren 90 Prozent der weltweit gehandelten Güter, verstaut in normierten Containern aus Stahl. Sie transportieren alles so billig, dass es nur ein paar Cent kostet, um einen Tablet-Computer, ein Kuscheltier oder ein Paar Turnschuhe von der Fabrik in Asien zum Käufer nach Europa zu verfrachten. Der moderne Europäer stünde ziemlich nackt da ohne die Ware der schwimmenden Giganten. Doch billig ist nicht billig genug, der Transport soll noch preiswerter werden, noch effizienter, weshalb die Schiffe noch größer werden, so groß, dass sie nicht mehr in die Flüsse passen.

Die Frage ist nun, wer sich anpassen muss: Die Schiffe? Oder die Flüsse?

In Hamburg ist diese Frage traditionell schnell beantwortet. Die Stadt liegt an Deutschlands wichtigster Schifffahrtsstraße, der Elbe, die 130 Kilometer weit von der Nordsee zum Hamburger Hafen führt. Einst, vor 200 Jahren, war der Fluss gerade einmal dreieinhalb Meter tief. Je schneller die Schiffe wuchsen, desto öfter ließen die Hamburger die Bagger anrücken, acht Mal haben sie die Elbe inzwischen tiefergelegt, zuletzt zur Jahrtausendwende.

Jetzt ist es wieder so weit, jetzt sollen die Bagger zum neunten Mal heranschwimmen und einen weiteren Meter des Elbgrundes absaugen, damit auch Containerriesen mit einem Tiefgang von 14,5 Metern den Hafen erreichen können. Seit bald zehn Jahren laufen die Planungen, so lange tobt auch der Streit zwischen Wirtschaftsvertretern und Umweltschützern über die Grenzen des Wachstums. Über die Frage, was man der Elbe noch zumuten kann, bis sie stirbt.

Die Fachleute haben große Mühe, sich verständlich auszudrücken

Die entscheidende Phase dieses Streits hat nun in Leipzig begonnen, im reichlich vergoldeten Saal des Bundesverwaltungsgerichts. Hier verhandeln seit Dienstag fünf Richter über die Klagen der Umweltschützer von BUND und Nabu gegen die Elbvertiefung. Sechs Tage lang arbeiten die Richter nun ihre Frageliste ab, die bisweilen klingt wie eine Prüfung in Hydrologie und Biologie. Die Fragen sind so detailliert, dass die promovierten Fachleute auf beiden Seiten des Öfteren Mühe haben, sich allgemeinverständlich auszudrücken.

Gleich zu Beginn geht es um so einen Punkt, der für normale Zuhörer kaum verständlich ist, aber entscheidend sein kann. Es geht um ein Computerprogramm namens Sedimorph, mit dem die Bundesanstalt für Wasserbau zwei Wochen lang die vertiefte Elbe dreidimensional simulierte. Zwei Wochen nur, das sei viel zu kurz, kritisieren die Umweltschützer. "Warum gab es keine langfristige 3-D-Modellierung?", fragt dann auch der Vorsitzende Richter Rüdiger Nolte und lässt seine Stimme streng klingen. Die Behörde hätte doch externe Großrechner mieten können, falls die eigenen Computer nicht ausgereicht hätten.

Es sind solche Nachfragen, die bei den Umweltschützern die zarte Hoffnung keimen lassen, dass das Gericht den Ausbau doch noch stoppen könnte. Wankt ein zentrales Gutachten, auf dem alles basiert, dann wankt die gesamte Elbvertiefung.