Prozess gegen Hariri-Mörder Die Anklagebank bleibt leer

Die Anklagebank jedoch wird leer bleiben, das ist die größte Schwäche des Tribunals. Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah hat eine Auslieferung der Beschuldigten, die er zu "Brüdern mit einer ehrenwerten Vergangenheit" erklärt hat, in martialischer Diktion kategorisch ausgeschlossen. Wer versuche, ihrer habhaft zu werden, dem werde er die Hand abhacken, wütete Nasarallah - eine Drohung, die durchaus ernst zu nehmen ist, wie eine Serie von tödlichen Attentaten und Einschüchterungsversuchen gegen Ermittler, Zeugen und politische Gegner zeigen, die nach Vermutungen der Ermittler in Zusammenhang mit dem Hariri-Mord stehen. Erst am 27. Dezember hat eine Bombe in Beirut einen wichtigen Informanten das Tribunals in den Tod gerissen, den ehemaligen Finanzminister Mohammed Chatah. Der Sprengsatz explodierte unweit des Hauptquartiers von Rafik Hariris Sohn Saad, wie ein spätes Echo des 14. Februar 2005.

So wird dies seit den Nürnberger Prozessen das erste internationale Strafverfahren in absentia sein, in Abwesenheit der Angeklagten. Nicht einmal das französische Verteidigerteam, das vom Tribunal bestellt ist, hat Kontakt zu ihnen; sie verweigern sich. Der Prozess, der auf etwa ein Jahr angelegt ist, dürfte unter diesen Vorzeichen eher einer Forschungsmission von Historikern gleichen denn dem vor Gericht üblichen Schlagabtausch: "Das Tribunal wird vielleicht niemanden hinter Gitter bringen können", sagt der in Den Haag lehrende Völkerstrafrechtler Carsten Stahn. "Aber Stück für Stück baut es ein Gebäude aus Beweisen auf, vor den Augen der Welt."

Die Anklage hat eine dichte Sammlung von Indizien zusammengetragen, die auf die Hisbollah weisen. Zentral sind dabei Mobilfunkdaten, die auf ein ausgeklügeltes System von verschiedenen Handy-Netzwerken hinweisen, mit deren Hilfe die Beschuldigten laut der Anklage ihre Tat koordiniert haben. Die Ermittler haben ihnen Farb-Codes verpasst: Mit den grünen Handys sprachen die Drahtzieher miteinander, mit den roten kommunizierte das Killerkommando, als es Hariri über Wochen ausspähte. Minuten vor dem Attentat meldete es im Abstand von wenigen Sekunden die Fahrtroute von Hariris Konvoi. Der Polizeioffizier, der diesen Netzwerken auf die Schliche gekommen war, wurde 2008 ermordet, wie 2013 auch der Chef des Polizei-Geheimdienstes, Wissam al-Hassan.

Zentrale Figur der Verschwörung ist nach Ansicht der Ermittler Mustafa Badreddine, 53, der heute den geheimen Sicherheitsapparat der Hisbollah leitet - eine Funktion, die er von seinem Schwager Imad Mugnieh geerbt hat. Das Mastermind des Terrors war im Februar 2008 in Damaskus einem Attentat zum Opfer gefallen, hinter dem zumeist der israelische Geheimdienst Mossad vermutet wird. Badreddine, in Iran ausgebildet, hat den militärischen Arm der Hisbollah mit aufgebaut und ist einer der engsten Berater Nasrallahs, Mitglied in der Schura, dem wichtigsten Entscheidungsgremium der Hisbollah, und hält engen Kontakt zu General Kassim Suleimani, dem Chef der Quds-Brigaden - der für Auslandoperationen verantwortlichen Eliteeinheit der iranischen Revolutionsgarden. Die Ankläger sind überzeugt, dass Badreddine das Attentat auf Hariri geplant hat, es koordinierte und persönlich seine Ausführung überwacht hat.

Sein wichtigster Komplize soll Salim Dschamil Ayyash sein, ebenfalls ein hochrangiger Hisbollah-Funktionär. Laut der Anklage war er daran beteiligt, von einem Händler in der Nähe der in Nordlibanon gelegenen Stadt Tripoli jenen weißen Kleinlastwagen vom Typ Mitsubishi Canter mit der Motornummer JD33-JO 1926 zu beschaffen, in dem die tonnenschwere Bombe versteckt war. Videos einer Überwachungskamera zeigen, wie der Fahrer sich vor dem Hotel St. Georges langsam in Position bringt, etwa zwei Minuten bevor Hariris Konvoi die Stelle erreicht. Die ersten beiden Wagen, Begleitfahrzeuge, lässt der Attentäter passieren. Als Hariris schwarze Limousine neben dem Kleinlaster ist, zündet er die tödliche Fracht. Ayyash, so steht es in der Anklage, soll das Killerkommando befehligt haben und für die Ausführung des Anschlags verantwortlich gewesen sein.