Ben Woodward, 28, öffentlicher Angesteller in Newcastle

Ich fühle mich sehr europäisch. Aufgewachsen in einer Zeit niedriger Reisekosten, habe ich schon den größten Teil der EU-Länder bereist. Mir ist sehr bewusst, dass mein Land Teil einer großen Gemeinschaft ist. In jeder größeren britischen Stadt gibt es heute eine Café-Kultur, die wir vor 20 Jahren noch nicht hatten. Vielerorts gibt es sogar ein Nachtleben, das sich sehr kontinentaleuropäisch anfühlt. Zugleich denke ich, dass nur wenige Briten sich bewusst sind, welchen Einfluss andere europäische Länder auf Großbritannien mittlerweile haben. Es ist ein Wandel, der sich seit 1990 nach und nach vollzogen hat.

Persönlich bin ich davon überzeugt, dass Großbritannien sich in der Flüchtlingskrise stärker engagieren sollte. Als Premier David Cameron zuletzt dazu befragt wurde, sagte er leider nichts zum Thema, sondern machte lieber einen Witz auf Kosten der Liberaldemokraten. Das dürfte ein guter Indikator sein, wie wenig ernst er das Thema nimmt. Ein großer Teil seiner Rhetorik ist einwanderungs- und EU-kritisch. Größeres Engagement seiner Regierung für Flüchtlinge ist daher unrealistisch; es würde schlicht nicht zu seinem Selbstbild passen, hart gegen Immigration vorzugehen.

Bestimmte Bilder oder Geschichten der Flüchtlingskrise veranlassen bestimmt viele Briten zu emotionalen Reaktionen. Die meisten dürften aber ernsthaft davon überzeugt sein, dass ihre Interessen als Briten deutlich wichtiger sind als die von Flüchtlingen, die ihr Leben riskieren, um aus Konfliktgebieten zu fliehen. Von Ben Woodward

Bild: privat 11. November 2015, 14:182015-11-11 14:18:35 © SZ/jasch/hum