Soziologe Dieter Rucht

"Occupy hat sich totdiskutiert"

Protestforscher Dieter Rucht, 68, ist Professor für Soziologie an der FU Berlin. Er war Ko-Leiter der Forschungsgruppe Zivilgesellschaft, Citizenship und politische Mobilisierung in Europa am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung:

"Blockupy ist keine Bewegung, die Tag für Tag aktiv ist. Der Name ist eine Abwandlung von Occupy. Das ist ja ein sehr bekannter und zugkräftiger Begriff. Aber Blockupy hat fast nichts mit Occupy gemeinsam. Occupy war eine relativ spontane Bewegung von Leuten, die vor allem Camps in den USA, in Deutschland und anderen Ländern Europas organisiert haben. Bei Occupy gab es kaum Gewaltakte. Sie wollten durch Präsenz auf besetzten Plätzen öffentliche Aufmerksamkeit für ihr Anliegen einer gerechten Weltordnung erzeugen.

Darüber hinaus ist nicht viel entstanden. Das liegt auch daran, dass Occupy jegliche Strukturbildung abgelehnt hat. Es sollte keine Sprecher und keine Hierarchien geben. Jeder konnte reden, wann und wie lange er wollte. Das hat zu endlosem Palaver geführt. Occupy hat sich totdiskutiert. Die Leute sind in der Versenkung verschwunden. Als eine Bewegung spielt Occupy in Deutschland keine Rolle mehr.

Blockupy hingegen ist ein Bündnis linker Gruppierungen, man könnte sagen: der üblichen Verdächtigen. Bereits bestehende Organisationen haben eine lose Allianz gebildet, um die Austeritätspolitik speziell der EU zu kritisieren und zu bekämpfen. Blockupy ist ein kapitalismuskritisches Bündnis; die derzeitige Form des Kapitalismus wird massiv kritisiert. Aber nur ein Teil dieses Bündnisses verfolgt eine dezidiert antikapitalistische Stoßrichtung, will also diesen Kapitalismus in toto beseitigen und durch eine ganz andere Gesellschaftsordnung ersetzen."

Protokoll: Melanie Ahlemeier

Bild: dpa 22. März 2015, 11:032015-03-22 11:03:08 © SZ vom 21.3.2015/mest