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Profil:Swetlana Alexijewitsch

Die Nobelpreisträgerin ist die literarische Stimme der Revolte in Belarus.

Von Sonja Zekri

(Foto: dpa)

Sie hat eine Sanftheit, eine fast großmütterliche Weichheit, so unaggressiv und zugewandt, dass den Gesprächspartnern gar nichts anderes übrig bleibt, als ihr zu vertrauen. Interessanterweise muss das schon so gewesen sein, als Swetlana Alexijewitsch jung war und mit den Veteraninnen des Zweiten Weltkriegs sprach, die ihr erzählten, worüber sie bis dahin nie gesprochen hatten. So erschien, noch in der Sowjetunion, ihr erstes Buch: "Der Krieg hat kein weibliches Gesicht". Alexijewitsch bekam einen Preis, aber eine unzensierte Version kam erst nach dem Fall der Sowjetunion heraus. Irgendetwas an ihr war doch nicht so harmlos.

Inzwischen hat sich das herumgesprochen. Nachdem die Proteste gegen den belarussischen Präsidenten Alexander Lukaschenko bereits einige Wochen angedauert hatten, war es deshalb nicht erstaunlich, dass Swetlana Alexijewitsch, erstens, in den oppositionellen Koordinationsrat von Swetlana Tichanowskaja berufen wurde, dass sie, zweitens, am Mittwoch im Ermittlungskomitee 40 Minuten lang verhört wurde und, drittens, höflich, aber bestimmt nicht kooperierte.

Immerhin rief sie ihre Anhänger zum Gewaltverzicht auf, die Protestbewegung müsse "mit dem Geist siegen, mit der Kraft unserer Überzeugungen". Es gehört zu den zerbrechlichen Wundern dieser Revolte, dass sich die Aufständischen bislang daran gehalten haben.

Die physische Gefahr für ihre Person ist trotz der Inhaftierten, Verletzten und Toten in Minsk überschaubar. Selbst fallende Diktatoren vermeiden es, Literaturnobelpreisträger zu verletzen. Und Ablehnung ist sie gewohnt. Geboren im Jahr 1948 in der damals sowjetischen Ukraine, aufgewachsen in einem belarussischen Dorf, wo die Eltern als Lehrer arbeiteten, schrieb sie Bücher über den Afghanistan-Krieg ("Zinkjungen"), die Katastrophe in Tschernobyl ("Tschernobyl - eine Chronik der Zukunft"), russische Selbstmörder ("Im Banne des Todes"), Kinder im Zweiten Weltkrieg ("Die letzten Zeugen") und die postsowjetischen Wirren ("Secondhand-Zeit").

Danach war sie nicht nur die bekannteste belarussische, sondern auch eine der bekanntesten postsowjetischen Schriftstellerinnen. 2015 erhielt sie den Literaturnobelpreis. Es war eine Zeit, in der für alle Beteiligten - die Schwedische Akademie, Lukaschenko, Wladimir Putin - die Welt noch sehr in Ordnung war. Nur Swetlana Alexijewitsch sah sich Hass und Häme ausgesetzt. In Russland rechneten Ultrapatrioten vor, dass die russischsprachige Preisträgerin, wie jeder andere russischsprachige Literaturnobelpreisträger vor ihr, wie Bunin, Pasternak und Solschenizyn, nichts anderes sein könne als eine russlandfeindliche Agentin des Westens in literarischem Gewand.

Der Westen war nicht besser zur Preisträgerin. Ob das überhaupt Literatur sei, was sie da herstelle, lauteten die spitzzüngigen Zweifel. Menschen auszufragen und das dann aufzuschreiben, das sehe doch sehr nach Journalismus aus. Dass Swetlana Alexijewitsch ein eigenes Genre geschaffen hat, dass ihre Figuren die Essenz ungezählter Gespräche sind und ihre Stimmen einen eigenen unverwechselbaren Klang haben, eine Art andauernden Schmerzlaut der postsowjetischen Gesellschaft, das erkannten nicht alle.

Jetzt also die historischen Proteste in Minsk. Swetlana Alexijewitsch hatte Belarus zwischendurch verlassen und in Italien, Deutschland, Frankreich gelebt, aber vor ein paar Jahren ist sie nach Minsk zurückgekehrt. Sie lebt in einer kleinen Wohnung in einem zehnstöckigen Hochhaus, wie man eben so lebt in einer Stadt, von der nach dem Zweiten Weltkrieg nichts mehr übrig war. Sie hat die Tochter ihrer verstorbenen Schwester adoptiert und ist inzwischen tatsächlich Großmutter, wenn man so will: eine oppositionelle Großmutter. Wie auch immer der Aufruhr in ihrer Heimat ausgeht - es ist unvorstellbar, dass sie kein Buch darüber schreibt.

© SZ vom 29.08.2020

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