Profil Sergio Pagano

(Foto: KNA)

Der Bischof hütet das Vatikanische Geheimarchiv, das sich nun öffnet.

Von Matthias Drobinski

Lange dunkle Gänge, Regal um Regal, gefüllt mit jahrhundertealten Dokumenten und ebenso alten finsteren Geheimnissen, die Kirche und Welt erschüttern würden, verließen sie je diesen Ort - das ist das Vatikanische Geheimarchiv in Dan Browns Thriller "Illuminati". Als Professor Langdon, der Held der Geschichte, dort eindringt, schließen sich die Panzerglastüren. Die Luft wird knapp.

Der echte Herrscher über dieses Archiv wäre eine schlechte Besetzung für einen Vatikan-Krimi. Bischof Sergio Pagano ist ein rundlicher, glatzköpfiger Mann von 70 Jahren mit freundlichen Augen und ruhiger Stimme; denkt man sich das Gewand und den violetten Bischofshut weg, könnte er auch der zuvorkommende Padrone eines guten italienischen Landgasthauses sein. Man kann nicht sagen, dass er die öffentliche Aufmerksamkeit suche: Seit 1997 leitet er das Geheimarchiv, in dieser Zeit ist kein Dutzend Geschichten über ihn erschienen. Aber jetzt steht er im Scheinwerferlicht: Papst Franziskus hat verfügt, dass von März 2020 an sämtliche Dokumente aus der Amtszeit von Papst Pius XII. für Forscher zugänglich sein sollen. Die Historiker sollten sich, schreibt Bischof Pagano in der Vatikan-Zeitung Osservatore Romano, "ohne Vorurteile und in all seiner realistischen Reichweite und seinem Reichtum" ein Bild machen können von jenem Papst, dem Kritiker vorwerfen, er habe zum Judenmord der Nazis geschwiegen. Pagano und seine 60 Mitarbeiter haben den Schritt in jahrelanger Kleinarbeit vorbereitet.

Der Archivar ist weniger ein zähnefletschender Zerberus als vielmehr ein ausgewiesener Profi

Der Hüter des "Gedächtnisses der Päpste" ist weniger ein Zerberus, der zähnefletschend mögliche Eindringlinge von den Vatikangeheimnissen fernhält, als vielmehr ein ausgewiesener Profi, ein Archivar von internationalem Renommee. Seit 1978 arbeitet Pagano, der dem Orden der Barnabiten angehört, im Geheimarchiv; er war Professor für Archivkunde an der päpstlichen Diplomatenakademie und leitete die Vatikanische Schule für Paläografie, Diplomatik und Archivkunde, bevor Papst Johannes Paul II. ihn zum Präfekten des Geheimarchivs ernannte. Er ist Mitglied der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften und verschiedener Gesellschaften zur Förderung der lateinischen Sprache, aber auch im Internationalen Archivrat vertreten und in der Zentralredaktion des Forschungsprojekts "Monumenta Germaniae Historica", das Akten zur deutschen Geschichte editiert. Ein Leben fürs historische Dokument.

"Geheim"-Archiv bedeutete einst übrigens lediglich, dass hier die persönlichen Akten der Päpste verwaltet werden, seit 1612 systematisch, doch die ältesten Bestände gehen bis ins vierte Jahrhundert zurück. 85 Regalkilometer Dokumente haben sich seitdem angesammelt, darunter Briefe von Michelangelo oder ein Schreiben, mit dem Heinrich VIII. um die Aufhebung seiner Ehe bittet; ein Teil der Schätze lagert in einem (angeblich) raketensicheren Bunker. Forschen könne hier jeder kostenlos, der eine entsprechende Qualifikation nachweise und eine Empfehlung seiner Universität vorlege, betont Pagano. Wie kritisch die Wissenschaftler dann ihre Befunde bewerteten, spiele keine Rolle.

Ganz neutral spricht Bischof Pagano allerdings nicht über Papst Pius XII.: Der Pacelli-Papst werde "allzu oberflächlich bewertet und kritisiert", urteilt er. Kirchenhistoriker wie Hubert Wolf aus Münster rügten in der Vergangenheit, der Vatikan lasse sich arg viel Zeit mit der lange versprochenen Archivöffnung, die ursprünglich 2015 erfolgen sollte - immerhin läuft gerade auch ein Seligsprechungsprozess für Pius XII., den der ein oder andere Aktenfund belasten könnte. Die Verzögerung sei kein Vertuschungsversuch gewesen, wehrt sich Pagano - er habe nun einmal mit begrenzten Mitteln einen riesigen Bestand aufarbeiten müssen.

Dan Browns "Illuminati" habe er angelesen, erzählte Pagano 2012 der Katholischen Nachrichtenagentur. Nach ein paar Seiten aber habe er das Buch weggelegt - zu langweilig.