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Profil:Pieke Biermann

Übersetzerin, die für manches Buch durchs Feuer geht.

Von Marie Schmidt

(Foto: Isolde Ohlbaum)

Unter freien Menschen, hat Pieke Biermann mal geschrieben, habe Sprache verführerisch viele Spielarten. Sie selbst beherrscht besonders viele davon, man spürt ihren Genuss an Jargons und Sprachebenen verschiedener Milieus in allem, was sie schreibt. Und es gibt nicht nur eine Pieke Biermann, es gibt sie als Schriftstellerin, Krimiautorin, Kritikerin, als Reporterin, als Aktivistin. Sie betreibt, sagt sie, einen "gemischten freien Schreibwarenhandel" seit 1976, und sie übersetzt aus dem Englischen und Italienischen.

Den populärsten Preis, den es für literarische Übersetzer ins Deutsche gibt, den Preis der Leipziger Buchmesse, hat sie jetzt für ein Buch bekommen, das sie selbst für den deutschen Markt entdeckt hat. Es heißt "Oreo", und als es 1974 zum ersten Mal erschien, ging es unter: Ein Roman, abgemischt aus kurzen Absätzen, Tabellen und Schemata, Rechenformeln, jiddischem Vokabular, intellektuellen Scherzen und Gossenton war zu schwierig für die Lebenszeit der Autorin Fran Ross. Die wurde 1935 geboren, wie die Hauptfigur des Romans als Tochter einer afroamerikanischen Mutter und eines jüdischen Vaters, und starb 1985. Der Roman heißt wie der berühmte amerikanische Keks, aber "Oreo", außen schwarz, innen weiß, ist im Amerikanischen auch eine Bezeichnung für Schwarze mit dem Verhalten eines Weißen. Jedenfalls benötigte dieses verrückte Buch, um verstanden zu werden, unsere identitätspolitisch bewegten Zeiten und eine Übersetzerin wie Biermann, die die Genauigkeit und das Selbstbewusstsein aufbringt, sich mit so einem Text zu messen.

Eine Übersetzerin, die so gezielt mit unterschiedlichen Codes hantiert, muss Materialistin sein. Und das ist sie auch politisch: "Berufsbild: Herz der Familie" hieß die Magisterarbeit der 1950 in Niedersachsen geborenen Pieke Biermann und handelte von unbezahlter Hausarbeit. Überhaupt finden sich in ihrer Biografie viele Themen, an denen die Frauenbewegung bis heute laboriert. "Von Kindheit an gewohnt, eigenes Geld zu verdienen", liest man weiter in einem biografischen Abriss, "Jobs aller Klassen: vom Treppenputzen und Geschirrspülen im Krankenhaus über Briefträgerin bis Verlagslektorin, dazwischen Anschaffen in Nachtklubs der höheren Mittelklasse; dank letzterer Berufserfahrung ein paar Jahre 'Frontfrau' der westdeutschen Hurenbewegung."

Über Letzteres gibt es ein Buch aus dem Jahr 1980 von Biermann: "Wir sind Frauen wie andere auch! Prostituierte und ihre Kämpfe". Besonders ihr Vorwort zur Neuauflage von 2014 ist ein irres Kapitel bundesrepublikanischer Sittengeschichte. Und übrigens auch der Frauengeschichte, denn als die erbittertsten Gegnerinnen von Pieke Biermann entpuppten sich Alice Schwarzer und die Feministinnen einer bestimmten Richtung, die Prostitution bis heute ausschließlich mit Unterdrückung in Verbindung bringen. Dagegen haben sich aktivistische Sexarbeiterinnen mit dem Prostitutionsgesetz von 2002 zumindest etwas rechtliche Sicherheit erkämpft. Biermann selbst ließ die Sache, die durch ihr Buch und ihr persönliches Outing einen Schub bekommen hatte, gegen Ende der Achtziger hinter sich, "die Bewegung war als Plural präsent und brauchte keine Einzelkämpferin mehr".

Als Angestellte im Rowohlt-Verlag hielt sie es nur zwei Jahre aus, bis heute lebt sie als freie Autorin in Berlin. 1987 erschien ihr erster eigener Roman "Potsdamer Ableben", ein Krimi, 1990 las sie beim Wettlesen um den Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt aus ihrem zweiten Roman "Violetta", es folgten weitere Krimis.

In den letzten Jahren übersetzt sie vor allem, etwa den Zeitungsroman "Die Unperfekten" von Tom Rachmann oder aus dem Italienischen die Bücher von Andrea Bajani. Heute, sagt sie, suche sie sich die Bücher selbst aus, die sie übersetzt, und verwandle sich ihnen dann vollkommen an, fresse sich hinein. Wie in Fran Ross' "Oreo": "Für dieses Buch würde ich durchs Feuer gehen."

© SZ vom 13.03.2020

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