Profil Musa Kart

(Foto: AFP)

Der türkische Karikaturist soll hinter Gitter - weil Erdoğan nicht mag, was er zeichnet?

Von Luisa Seeling

Mit der Justiz hatte Musa Kart, der türkische Zeichner mit der spitzen Feder, schon häufiger zu tun. 2005 zum Beispiel, als er beinahe eine Geldstrafe zahlen musste, weil er Recep Tayyip Erdoğan als Katze gezeichnet hatte, die sich in einem Wollknäuel verheddert. Die Karikatur spielte auf den Einsatz des damaligen Premiers für İmam-Hatip-Schulen an; Erdoğans Partei, die bis heute regierende AKP, kämpfte gegen erbitterten Widerstand der Laizisten für eine Aufwertung dieser islamischen Gymnasien. Ein Anwalt des Premiers klagte, der Katzen-Cartoon habe seinem Mandanten "großen seelischen Schmerz" zugefügt, ein Gericht verhängte eine Geldstrafe. Am Ende triumphierte Kart: Er zog bis vor den Kassationshof, das Urteil wurde aufgehoben. Auch 2014 kam er davon, es ging um eine Karikatur, die den Korruptionsskandal im Jahr 2013 aufs Korn nahm, in den auch Erdoğans Familie verwickelt war. Kart drohten neun Jahre Haft, doch das Gericht ließ die Anklage fallen.

Zuletzt hat der preisgekrönte Zeichner, Jahrgang 1954, erneut um seine Freiheit kämpfen müssen. Und diesmal geht die Sache wohl nicht so glimpflich aus.

Kart wurde im April 2018 mit weiteren Mitarbeitern der Oppositionszeitung Cumhuriyet wegen "Unterstützung von Terrororganisationen" zu Haftstrafen verurteilt: Ein Teil dieser Strafen, auch die von Kart, ist nun rechtskräftig, der Einspruch der Verurteilten wurde soeben abgewiesen. Ein Jahr und 16 Tage soll Kart hinter Gitter. "Die Regierung hat gesagt: ,Werft den Karikaturisten wieder ins Gefängnis!'", schrieb er auf Twitter, er sehe "den Weg des Gefängnisses" erneut vor sich. Dabei hat er schon neun Monate in Untersuchungshaft verbracht, in der Hochsicherheitsanstalt Silivri, nun soll er die Reststrafe absitzen.

Internationalen Beobachtern gilt der Prozess als Farce - allein schon, weil den Beschuldigten die Unterstützung sowohl der kurdischen PKK als auch der Gülen-Bewegung vorgeworfen wird. Beide sind als Terrororganisationen verboten, verfolgen aber völlig gegensätzliche Ziele. Zudem blickt Cumhuriyet auf eine kemalistische - also auch: laizistische - Tradition zurück; dass ihre Mitarbeiter mit einer religiös-konservativen Bewegung paktiert haben, glauben vermutlich nicht einmal die Ankläger selbst. Kart spricht von einem politischen Prozess, er und seine Kollegen hätten nichts anderes gemacht als Journalismus. "Zeichnen ist nun einmal mein Beruf", antwortete er vor zwei Jahren in einem Spiegel-Interview auf die Frage, ob er Angst vor weiterer Repression habe. Es klang ein wenig ratlos.

Begonnen hat Musa Kart seine Karriere nicht mit politischen Zeichnungen, sondern mit Bauplänen; er ist studierter Ingenieur, veröffentlichte aber schon als Student erste Karikaturen, in den Achtzigern machte er seine Leidenschaft zum Beruf. Er zeichnete für Milliyet, Güneş, Nokta und eben für Cumhuriyet, wo er 1993 festes Redaktionsmitglied wurde und bald eine Kolumne bekam. Kart war Teil einer lebendigen, lange Zeit erstaunlich unverwüstlichen Karikaturistenszene, das Genre ist in der Türkei sehr einflussreich - oder war es zumindest. Zuletzt sind die Spielräume immer stärker geschrumpft. Satirezeitschriften verlieren an Auflage. Die Verbreitung von Karikaturen in den sozialen Netzwerken ist riskant, der Staat schaut mit Argusaugen hin. Viele Zeichner und Zeichnerinnen leben im Exil, und wer bleibt, wird leicht zur Zielscheibe - wie Kart.

Der arbeitet inzwischen nicht mehr für Cumhuriyet. Die Belegschaft verstrickte sich in Machtkämpfe, an deren Ende stand die Übernahme durch regierungsnähere Kräfte. Es gibt nun pessimistische Stimmen, die nicht nur vom Tod des Traditionsblattes sprechen, sondern auch der türkischen Karikaturenkunst eine Eiszeit voraussagen. Vielleicht liegen sie richtig, andererseits: Solange jemand wie Musa Kart an einen Bleistift kommt, besteht Hoffnung.