Profil:Misty Copeland

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Misty Copeland

Misty Copeland 2015 in New York.

(Foto: AP)

Die erste schwarze Primaballerina des American Ballet Theatre.

Von Dorion Weickmann

Kenner sprechen von einer Inspiration, einem historischen Moment, ja, sie nennen sie in einem Atemzug mit der BallettLegende Michail Baryschnikow, zumindest mit Blick auf ihre Anschlussfähigkeit an die Popkultur: Misty Copeland, 32 Jahre alt, ist soeben zur Primaballerina des American Ballet Theatre ernannt worden. Und sie ist schwarz. Die Spitze der amerikanischen Kompanien wie die Branche insgesamt dominieren nach wie vor Weiße. Doch dann kam Copeland. Vor wenigen Tagen erst tanzte sie in ihrem ersten "Schwanensee". Ihr Kommentar dazu: "Es ist unglaublich, der erste braune Schwan zu sein."

Hinter Copeland liegt ein Aufstieg auf die harte Tour - und doch wie aus dem Drehbuch. Copeland, in schwierige Verhältnisse hineingeboren, begann erst mit 13 Jahren zu tanzen. Zwar überzeugte sie ihre Lehrer mit Disziplin und Talent, aber sie überwarf sich mit der eigenen Mutter. Eine Tochter im Tutu? Undenkbar! Der Streit eskalierte, man zog vor Gericht. Copeland versuchte, eine Aufhebung der Vormundschaft zu erzwingen - und scheiterte.

Dafür gelang Copeland der Sprung zum American Ballet Theatre. Der künstlerische Leiter Kevin McKenzie nahm sie 2001 unter Vertrag, promovierte sie 2007 zur Solistin und platzierte sie jetzt in der Führungsriege des Ensembles.

Beide, die Balletttruppe und die Tänzerin, haben über Jahre an Copelands Image gefeilt und ihren Namen auch in der ballettfernen Öffentlichkeit zur Marke veredelt. Copeland veröffentlichte ihre Memoiren "Life in Motion", in denen sie die kleineren und größeren Katastrophen ihrer Biografie verarbeitete - Bulimie und Diskriminierungserfahrungen eingeschlossen. Sie betätigte sich als Fernsehjurorin, wurde Sportmode-Model, drehte coole Video-Clips - und war plötzlich in aller Munde. Eine Rekordzahl an Anhängern auf Facebook und von Klicks auf Youtube verkündeten die Geburt eines neuen Idols für schwarze Jugendliche. Sie wurde zu einem Vorbild, das nicht auf Rebellion gegen soziale Benachteiligung setzt, sondern auf den guten alten amerikanischen Traum: Du kannst alles schaffen, wenn du nur willst!

Ziemlich zeitgleich mit den Rassenunruhen von Baltimore und den Übergriffen weißer Polizisten auf schwarze Bürger erreichte der Misty-Copeland-Hype in diesem Frühjahr dann seinen Höhepunkt: Das Magazin Time reihte die Tänzerin ein in seine Liste der "100 einflussreichsten Menschen". Allerdings steckte die Redaktion sie nicht zu den "Künstlern", sondern zu den "Pionieren". Das war ziemlich hellsichtig, denn Copelands muskulöser Körper eignet sich zwar großartig für ultramoderne zeitgenössische Tanz-Choreografien, weniger aber für die leichtfüßigen erzkonservativen Partien.

Auf ihren Chef McKenzie kann Copeland bei ihrer Karriere zählen. Er hat dank ihrer Beförderung zur Primaballerina die 75. Spielzeit seiner Truppe mit einem Coup gekrönt.

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