Profil Jonathan Tah

Joachim Löws zweite Wahl für die Europameisterschaft in Frankreich.

Von Philipp Selldorf

Meistens war während der vorigen Saison von Javier "Chicharito" Hernandez die Rede, wenn es darum ging, die Leistungen der Einkaufsabteilung von Bayer 04 Leverkusen zu würdigen. Der mexikanische Torjäger kam Ende August 2015 ins Rheinland, weil Manchester United keine Verwendung mehr für ihn hatte und Bayer 04 kurzfristig einen neuen Offensivspieler brauchte. "Chicharito" kostete elf Millionen Euro Ablöse - viel Geld im realen Leben, Kleingeld im gehobenen Import- und Exporthandel des Profifußballs.

Chicharito schoss viele Tore und sorgte dafür, dass die Einschaltquoten für Spiele von Bayer Leverkusen explosiv emporschossen (zumindest in den mexikanischen Gemeinden in Übersee). Der wahre Bayer-Star der Saison ist dennoch ein Mann, der nicht das populäre Geschäft des Toreschießens betreibt, sondern für das Gegenteil zuständig ist. Jonathan Tah, 20, fungiert bei Bayer als Innenverteidiger und steht beim Chef der Leverkusener Einkaufsabteilung im Rang des "Königstransfers", als wertvollste Verstärkung des Jahres also. Dabei hatte Bayer-Manager Jonas Boldt Überzeugungsarbeit leisten müssen, als er im vorigen Sommer in seinem Klub für den Kauf des 19-jährigen Tah warb. Dieser hatte als Leihgabe des Hamburger SV bei Fortuna Düsseldorf in der zweiten Liga gespielt und dort keinesfalls immer brilliert, sollte aber trotzdem acht Millionen Euro kosten. Boldt erinnert sich: "Damals war der Tenor: Der HSV will ihn nicht, und wir sollen so viel Geld bezahlen?"

Jonathan Tah: Joachim Löws zweite Wahl für die Europameisterschaft.

(Foto: Annegret Hilse/dpa)

Ein Jahr später halten es in Leverkusen und im Rest des Landes alle für logisch und für richtig, dass der Bundestrainer auf Tah zurückgreift, um den just am Dienstag beim ersten EM-Training verletzten Abwehrspieler Antonio Rüdiger zu ersetzen. Tah befand sich im Urlaub, als ihn der DFB in den nationalen Dienst berief. Der vormals bezweifelte Zweitligaspieler ist längst das Drei- bis Fünffache der acht Millionen wert, die Bayer für ihn bezahlt hat: Im Lauf der Saison hat er für Leverkusen 45 Partien in Liga und Europacup bestritten, immer auf hohem Niveau. Spielverständnis, Schnelligkeit, fußballerisches Vermögen, Körperlichkeit - alles ist bei ihm reichlich vorhanden, plus Steigerungspotenzial. Nichts und niemand schien Tah umwerfen zu können, staunte man in Leverkusen - und dann streckte ihn eine verdorbene Currywurst nieder: Tah musste Tage im Krankenhaus verbringen.

Dank für die rapide Karriere gebührt auch dem HSV, der als Erziehungsanstalt diente. Dass Tah in so jungen Jahren schon so ein gereifter Spieler ist, das liegt auch am Crashkurs, den er in seinem Heimatklub erhielt. Im ersten Profijahr lernte er als 17-Jähriger drei Cheftrainer kennen, unterschiedliche wie Torsten Fink, Bert van Marwijk, Mirko Slomka. Fink führte ihn in die Bundesliga ein, van Marwijk vertraute ihm, Slomka wusste nichts mit ihm anzufangen. So ging er in die zweite Liga nach Düsseldorf - und landet nun bei der Europameisterschaft.