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Profil:Christoph Schönborn

File photo of Austrian Cardinal Christoph Schoenborn listening to journalists questions during a news conference in Mariazell June

Der Wiener Kardina Christoph Schönborn: Vermittler bei der Familiensynode in Rom

(Foto: Reuters)

Der Wiener Kardinal ist Vermittler bei der Familiensynode in Rom.

In diesen Tagen, da in Rom die Familiensynode sich dem Showdown nähert, erregt die kleine deutsche Sprachgruppe Erstaunen. Wie schaffen die das? Da sitzen die Kardinäle Walter Kasper und Gerhard Ludwig Müller nebeneinander, der Exponent der Veränderer und der Vertreter der Bewahrer. Und dann beschließt diese Gruppe einstimmig einen Text, der wegweisend für das Abschlussdokument sein könnte, mit einer vorsichtig formulierten Einzelfall-Lösung für Katholiken in zweiter Ehe und mit einem bemerkenswerten Schuldbekenntnis: Oft habe die Seelsorge durch "harte und unbarmherzige Haltungen" Leid über Menschen gebracht, über "ledige Mütter und unehelich geborene Kinder, Menschen in vorehelichen und nichtehelichen Lebensgemeinschaften, homosexuell orientierte Menschen und Geschiedene und Wiederverheiratete".

Das hat die Gruppe auch deshalb geschafft, weil sie einen guten Moderator hat: Christoph Schönborn, 70 Jahre alt, seit 20 Jahren Kardinal von Wien, ein Konservativer mit Blick fürs Leben jenseits der Kirchenwelt, ein eleganter wie leutseliger Aristokrat. In Wien mäkeln die Konservativen, dass er das Stramme vermissen lässt, und die Reformer, dass er sich nicht auf ihre Seite schlägt. Bei den Synodenberatungen in Rom ist er mit seiner tastenden Vorsicht und seinem Differenzierungsvermögen der ideale Vermittler.

Die Adelsfamilie Schönborn, der er entstammt, hat der katholischen Kirche über die Jahrhunderte hinweg Bischöfe im Dutzend geschenkt. Sein Vater, der Maler Hugo-Damian Schönborn, fand die Nazis so unerträglich, dass er 1944 zu den Briten desertierte, was allerdings die Tschechen nicht hinderte, die Familie aus dem Sudetenland zu werfen. Schönborns Eltern trennten sich in den Sechzigerjahren, er hat also erlebt, worüber mancher Bischof nur abstrakt redet. Mit 18 trat Schönborn in den Dominikanerorden ein; aus der Promotionszeit stammt seine Nähe zu Joseph Ratzinger, der ihn 1987 zum Redaktionssekretär des Weltkatechismus machte.

Der Mann des Weltkatechismus, der definiert, was katholisch ist und was nicht - das festigte Schönborns Ruf als konservativer Theologe. Doch als er 1995 Erzbischof von Wien wurde, zeigte sich, dass dies nur eine seiner vielen Seiten ist. Das Erzbistum war erschüttert vom Skandal um seinen Vorgänger Hermann Groër, der offenbar Knaben sexuell belästigt hatte; Schönborn schaffte es, verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen. Der Wiener Kardinal wurde als Präfekt der Glaubenskongregation gehandelt, nach dem Tod von Johannes Paul II. gar als möglicher Papst - zugewachsen ist ihm aber die Rolle des Ratgebers, Zuhörers und Vermittlers. Vor einem Jahr sagte er, Gottes Segen für die sakramentale Ehe könne auch ein bisschen auf anderen Verbindungen ruhen. Die Empörung bei den Konservativen war groß, nun vertritt er die Idee nicht mehr. Die Sache weiterzubringen ist ihm wichtiger, als auf Positionen zu beharren.

© SZ vom 23.10.2015

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