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Profil:Assa Traoré

(Foto: Karine Pierre/imago)

Frankreichs Ikone im Kampf gegen Rassismus.

Von Nadia Pantel

Assa Traoré kann den Grund für ihre Wut und den Ansporn für ihren Kampf mit nur einem Satz erklären: "Mein kleiner Bruder Adama Traoré wurde an seinem 24. Geburtstag von Polizisten getötet." Am Wochenende jährte sich Adamas Tod zum vierten Mal und seine große Schwester Assa führte mit erhobener Faust eine Demonstration an. Einen Tag lang haben sie und ihre Familie damals geweint, sagte die 35-jährige Traoré kürzlich, "dann mussten wir an die Front". Adama Traoré starb am 19. Juli 2016 nach einer Polizeikontrolle. Die Beamten hatten ihn in Bauchlage am Boden fixiert, er erstickte. Ein erstes medizinisches Gutachten entlastete die Beamten, Adama Traoré habe Herzprobleme gehabt. Die Traorés lieferten ein Gegengutachten. Inzwischen liegen zwölf Untersuchungen vor, ohne dass es ein Ergebnis gäbe und ohne dass gegen die Beamten ermittelt worden wäre. Ein neues Gutachten soll Ende Juli aus Belgien kommen, als sei der Fall innerhalb Frankreichs nicht mehr zu lösen.

Was als Rechtsstreit einer Familie begann, hat sich inzwischen zur meistbeachteten Protestbewegung Frankreichs entwickelt. Gefeierte Schauspieler wie Adèle Haenel und Omar Sy solidarisieren sich mit Assa Traoré, die frühere Justizministerin Christiane Taubira nannte sie "einen Glücksfall für Frankreich" und die Schriftstellerin Virginie Despentes sieht in ihr "eine Antigone". Als Traoré am 2. Juni dazu aufrief, vor dem Pariser Justizpalast zu demonstrieren, kamen mehr als 20 000 Menschen. Ohne das Vorbild der "Black Lives Matter"-Proteste und ohne das Video, das schmerzhaft dokumentiert, wie George Floyd unter dem Knie eines Polizisten erstickt, wäre dies nicht möglich gewesen. Doch Traorés Aufstieg zur Ikone begann schon deutlich früher. Er begann mit ihrem ersten Buch "Lettre à Adama". Er setzte sich fort, als ihr gelang, was kaum einem gelingt: die Jugend in der Banlieue ebenso mobilisieren wie die Pariser Salon-Intellektuellen. Traoré besucht seit Jahren Schulen und Jugendzentren, um vom Tod ihres Bruders zu erzählen. Sie marschierte bei Klimademos mit und bei den Gilets jaunes. Sie sei nicht politisch, betont sie dabei immer, es gehe ihr nur um einen gerechten Prozess für ihren Bruder, sein Name dürfe nicht einfach verschwinden. Doch im weltweiten Kampf gegen rassistische Polizeigewalt ist sie zu einer Schlüsselfigur geworden.

So viel Aufmerksamkeit führt zu Widerspruch. Auf politischer Ebene wird ihr vorgeworfen, schwarze und weiße Franzosen gegeneinander aufzuhetzen. Auf der persönlichen Ebene wird sie angegriffen, weil vier ihrer Brüder wegen Drogenhandels Gefängnisstrafen absaßen, weil ihr Vater polygam lebte und sie 16 Geschwister von vier Müttern hat. Ihrem verstorbenen Bruder Adama wird zudem vorgeworfen, während einer Haftstrafe einen Mithäftling vergewaltigt zu haben. Am Mittwoch wurde dem Mithäftling eine Entschädigungssumme zugesprochen, weil es als bewiesen gilt, dass er im Gefängnis sexuell misshandelt wurde.

Dass Assa Traorés Anhänger sich wenig für diesen Vorwurf interessieren, liegt auch daran, dass die Sehnsucht nach einer Fürsprecherin groß ist. Frankreichs Ideal der Gleichheit hat eine Kultur etabliert, in der es kaum möglich ist, über Rassismus zu sprechen, ohne dass einem vorgeworfen wird, ein auf Herkunft fixierter Fanatiker zu sein. Gerade Schwarze wurden dadurch zum Schweigen gebracht. Die Republik ist schließlich farbenblind, über Hautfarbe spricht man nicht. Wie viel höher jedoch die Wahrscheinlichkeit für einen jungen Araber oder einen jungen Schwarzen ist, von der Polizei schikaniert zu werden, weiß Traoré nicht nur aus Berichten von Menschenrechtsorganisationen, sondern auch aus ihrer Arbeit als Erzieherin. Bevor sie hauptberuflich für ihren Bruder kämpfte, betreute die Mutter von drei Kindern Jugendliche in Einwanderervierteln. "Sobald die Polizei kam, hatten die Jungs Angst", sagt Traoré.

© SZ vom 23.07.2020

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