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Profil:Anne Weber

(Foto: Arne Dedert/dpa)

Wahrhaft europäische Buchpreisträgerin.

Von Marie Schmidt

Als Anne Weber am Montag den Deutschen Buchpreis entgegennahm, standen eigentlich zwei Frauen auf der Bühne. Die Schriftstellerin und das reale Vorbild ihrer Figur, dem sie sofort dankte, und das sie mit sorgsam gesetzten Worten in den Raum holte: Anne Beaumanoir, um die es in ihrem preisgekrönten "Heldinnenepos" geht, lebt heute mit 96 Jahren wieder in Frankreich. Als junge Frau war sie während der deutschen Besatzung Mitglied der Résistance, rettete zwei jüdischen Jugendlichen das Leben. Nach dem Krieg studierte sie Medizin fertig, wurde Neurophysiologin, trat aus der kommunistischen Partei wieder aus, studierte und bekam zwei Kinder. Während des Algerienkriegs arbeitete sie der Befreiungsfront FLN zu und wurde, hochschwanger mit ihrem dritten Kind, verhaftet und zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt. Ihre Tochter brachte sie im Hausarrest zur Welt, floh nach Tunis, schloss sich der algerischen Exilregierung an und arbeitete später im Gesundheitsministerium unter Ben Bella. Erst nach 30 Jahren konnte sie nach Frankreich zurückkehren.

Die moralische Frage für eine Schriftstellerin, die diese monumentale Lebensgeschichte erzählen und der Welt bekannt machen will, ist natürlich die: Wie geht das, ohne sich ein fremdes Schicksal anzueignen, ohne diese Frau zu idealisieren? Anne Weber ist als Autorin dafür bekannt, auf solche Fragen mit eigenwilligen Formentscheidungen zu reagieren. "Erste Person" heißt ein Buch von ihr, in dem sie 2003 in eher essayistischer Form diese Instanz überprüft, die in literarischen Texten "Ich" sagt. Am Anfang ihrer Laufbahn hat Anne Weber ihre Bücher zuerst auf Französisch geschrieben und sie dann ins Deutsche übertragen, so auch dieses. Inzwischen beginnt sie mit der deutschen Version. 1964 in Offenbach am Main geboren, lebt sie seit 1983 in Paris, ist nach einem Au-pair-Aufenthalt dortgeblieben. Im Augenblick allerdings hat sie eine Wohnung in der Nähe von Frankfurt, ist dieses Jahr Stadtschreiberin von Bergen-Enkheim, eine weitere hohe Auszeichnung.

Anne Weber verkörpert die Idee einer wahrhaft europäischen Schriftstellerin. Sie lebt und denkt spürbar in zwei Sprachen und übersetzt auch hinüber und herüber, was dem Kodex, nur in die Muttersprache zu übertragen, eigentlich widerspricht. Sie hat Birgit Vanderbeke, Sybille Lewitscharoff und Wilhelm Genazino auf Französisch, Marguerite Duras und Cécile Wajsbrot auf Deutsch zugänglich gemacht.

Sie bringt die Kulturen einander näher. Aber auf der anderen Seite war es auch die Distanz zwischen den Ländern und Sprachen, die es ihr erst möglich gemacht hat, mit der Geschichte ihres Urgroßvaters und ihres Großvaters, der für den Sicherheitsdienst der SS arbeitete, auch eine Genealogie deutscher Schuld in einem Buch zu verarbeiten. "Ahnen" erschien 2015, sie nannte es "Zeitreisetagebuch". Und während ihre Formexperimente zuerst noch misstrauisch beäugt worden waren, war die Kritik von diesem Buch fast einhellig begeistert. Und für den Stoff von "Annette, ein Heldinnenepos" hat sie nun eine ganz alte Form gewählt, die ihr eine feine Zurückhaltung ermöglicht hat: das Epos mit seinen freien Versen und seiner über den Dingen schwebenden Erzählstimme.

Am Ende dieses Epos treffen sich, von dieser nüchternen Stimme beobachtet, die Schriftstellerin, "eine dieser großen ernsten Deutschen", und die Zeitzeugin. So war es wirklich. 2017 sollte Anne Weber auf einem Podium über die Zeit des besetzten Paris sprechen, als eine ältere Dame im Publikum das Wort ergriff, aus dieser Zeit erzählte und das ganze Podium beschämte, das darüber so viel weniger wusste. Die Frau war Anne Beaumanoir. Beim Essen danach setzte sich Anne Weber neben sie, und sie begannen zu sprechen. Das beeindruckend respektvolle Ergebnis dieses Gesprächs ist Anne Webers Buch, das jetzt mit einem der wichtigsten deutschen Literaturpreise noch mehr Lesern nahegebracht wird.

© SZ vom 14.10.2020

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