Profil Anne Hidalgo

(Foto: AP)

Feministin mit Träumen an der Spitze des krisengeplagten Paris.

Von Nadia Pantel

Die Prüfungen, die Frankreichs Hauptstadt auferlegt werden, erscheinen aus der Ferne riesig. Der islamistische Anschlag auf Charlie Hebdo im Januar 2015, auf den nur zehn Monate später der Massenmord im Bataclan folgte. Zerstörungswütige Demonstranten in gelben Westen, die seit Mitte November vergangenen Jahres wöchentlich den Prachtboulevard Champs-Élysées ins Visier nehmen. Und diese Woche nun schließlich der Großbrand in Notre-Dame, der um ein Haar die wichtigste Kirche Frankreichs zum Einsturz gebracht hätte.

Anne Hidalgo ist als Bürgermeisterin von Paris nicht nur bei diesen fundamentalen Erschütterungen erste Ansprechpartnerin, sondern auch bei den kleineren anderen Sorgen, die sich für einzelne Stadtbewohner durchaus ebenso zur Katastrophe addieren können. Je nach Veranlagung regen sich die Pariser eher über die Ratten auf, die hier so zahlreich und selbstbewusst sind, dass sie schlendern statt zu huschen. Oder über die ständigen Staus mit der einhergehenden Luftverschmutzung. Wenn die Pariser in Meinungsumfragen nach ihrem größten Traum gefragt werden, sagen sie gern: wegziehen aus Paris.

Der Traum von Hidalgo klingt anders. "Atmen" heißt ihr jüngstes Buch, das gleichzeitig auch ein Versprechen an die Bewohner ihrer Stadt ist. Das Menschheitsmuseum Paris soll grüner und sauberer werden. Seit Hidalgo 2014 ins Rathaus der Stadt gewählt wurde, hat sie für französische Verhältnisse nicht nur massiv in Radwege investiert, sie hat auch die Autofahrer gegen sich aufgebracht.

Eine ihrer umstrittensten Entscheidungen war die Schließung der Schnellstraße, die parallel zur Seine die Pendler durchs Zentrum der Stadt jagte. Seit 2016 ist der Asphalt zur Promenade geworden - mit Spielplätzen, Bars, Picknicktischen. Klingt schön, aber manche finden es furchtbar. So schimpfte der Fernsehshow-Dinosaurier Patrick Sébastien, Hidalgo vermiese "5000 Typen, die zur Arbeit fahren" das Leben, um "drei Idioten auf Leihfahrrädern eine Freude zu machen".

Ob Paris, London oder New York - die berühmtesten westlichen Metropolen sind progressiver als die Länder, zu denen sie gehören. Hidalgo, 59, passt in dieses Bild. Die Sozialistin experimentiert mit neuen Formen partizipativer Demokratie und lässt die Bürger über einen Teil der städtischen Ausgaben abstimmen. Sie will das Wahlalter auf 16 Jahre senken. Sie greift die Regierung für deren Asylpolitik an, die laut Hidalgo auf dem Prinzip der Abschreckung beruht. Sie nennt sich "Feministin" und sagt, als Frau habe sie "immer doppelt so viel" arbeiten müssen. Zum Liebling der Linken wurde Hidalgo damit nicht. Frühere Mitstreiter lästern, sie sei zu autoritär. Oft wirkt es um die Tochter spanischer Einwanderer einsam. Das liegt auch daran, dass die Sozialisten, die ihre Karriere ermöglicht haben, nur noch die leere Hülle einer Partei sind.

All diese Grabenkämpfe pausierten, als Hidalgo am Donnerstag vor ihr Rathaus trat, um die Feuerwehrmänner zu ehren, die Notre-Dame gerettet haben. "Das Herz von Paris ist verletzt, aber es schlägt noch, und es wird noch stärker schlagen", verkündete sie. Genau wie Frankreichs Präsident Emmanuel Macron will Hidalgo, dass die Kathedrale zu den Olympischen Spielen 2024 wiedereröffnet wird.

Wenn es nach Hidalgo geht, wird sie von ihrem Bürofenster aus den Fortschritt der Renovierungsarbeiten verfolgen können. Sie will 2020 erneut für das Amt der Bürgermeisterin kandidieren. Die Liste ihrer Konkurrenten, vor allen Dingen aus der Macron-Partei La République en Marche, wird immer länger. Doch nach einem langen Popularitätstief sehen die Umfragen Hidalgo aktuell wieder in Führung.

Ihre Zähigkeit scheint Hidalgo an ihre drei Kinder weitergegeben zu haben. Ihr jüngster Sohn Arthur durchschwamm im vergangenen Juli als 16-Jähriger den Ärmelkanal.