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Profil:Anna Wintour

Die ewige Chefin der amerikanischen "Vogue" wird 70 Jahre alt.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet die mächtigste Frau der Modewelt - einer Branche, die den ständigen Wandel beschwört - selbst im Grunde immer gleich auftritt: Anna Wintour, die Chefin der amerikanischen Vogue, trägt meist farbige Kleider mit markanten Ketten, vor allem aber diese unerschütterliche Bob-Frisur und dunkle Sonnenbrille. Markenzeichen, die nicht zuletzt deshalb so ikonisch sind, weil sie bereits eine halbe Ewigkeit gepflegt werden: An diesem Sonntag feiert Wintour ihren 70. Geburtstag. Die Frisur sitzt seit dem 14. Lebensjahr, die Sonnenbrille kam etwas später hinzu.

Von Ruhestand ist derweil nicht die Rede, im Gegenteil. Nachdem im Sommer vergangenen Jahres immer wieder zu lesen war, nun seien ihre Tage wirklich gezählt, sah sich der Condé-Nast-Verlag zu einer Stellungnahme gezwungen. Anna Wintour bleibe "auf unbegrenzte Zeit" Chefredakteurin der Vogue, twitterte der damalige Verlagschef. Sie sei unglaublich kreativ und talentiert, ihr Einfluss "unvorstellbar".

Vor allem Letzterem dürften so ziemlich alle in der Branche zustimmen. Wintour hat in ihren mittlerweile 31 Jahren an der Spitze von Vogue die Art, wie Mode präsentiert und vermarktet wird, entscheidend geprägt. Unter ihrer Führung wurden die Seiten der heiligen "Fashion Bibel" jünger, ein Stück weit demokratischer, in jedem Fall kommerzieller. Sie mischte Haute Couture mit günstigeren Marken und begann in den Neunzigerjahren, Stars statt Models aufs Cover zu heben - mit unglaublichem Erfolg. Das Heft platzte zwischenzeitlich regelrecht vor Luxusanzeigen, mit wachsendem Umsatz stieg auch Wintours Macht. Sie hat die Karrieren von unzähligen Designern befördert. Sich mit ihr anzulegen, gilt als ungefähr so ratsam, wie auf High Heels durch die sibirische Tundra zu stapfen.

Die Tochter einer Amerikanerin und eines Briten stammt aus einer berühmten Journalistenfamilie. Ihr Vater Charles Wintour war langjähriger Chef des Evening Standard, ihr Bruder arbeitet als diplomatischer Korrespondent beim Guardian. Für die Tochter formulierte der Vater nahezu prophetisch das Berufsziel "Vogue-Chefredakteurin". Der Weg dorthin verlief allerdings keineswegs glatt. Mit 16 flog das Mädchen von der Schule, weil sie den Rock der Sportuniform mehrfach kürzte, eine Ausbildung im Londoner Kaufhaus Harrod's brach sie gelangweilt ab. In ihrem ersten Job bei Harper's Bazaar in New York wurde sie nach nur neun Monaten gefeuert. Trotzdem verfolgte die ehrgeizige junge Frau ihre Bestimmung unbeirrbar weiter: 1983 übernahm sie zuerst die britische Vogue, fünf Jahre später die amerikanische.

Außerhalb der Modewelt wurde Wintour vor allem durch den von ihr inspirierten Roman "Der Teufel trägt Prada" berühmt. In der Verfilmung von 2006 mit Meryl Streep tyrannisiert eine eiskalte Magazinchefin ihre Mitarbeiter. Wintour nahm es sportlich und schaute sich den Film mit ihrer Tochter an, gekleidet von Kopf bis Fuß in Prada.

In den letzten Jahren wirkt sie dagegen deutlich zugänglicher. Etwa in der Videokolumne "Go ask Anna": Da beantwortet sie bereitwillig Fragen von Leuten auf der Straße und Prominenten oder plaudert über große Modemomente. Vielleicht hat es mit Altersmilde zu tun, oder mit Überlebensdrang: 2017 machte Condé Nast mehr als 120 Millionen Dollar Verlust. Wintour, mittlerweile auch künstlerische Leiterin des Hauses, muss neue Zielgruppen und Erlösquellen erschließen. Nicht alle glauben, dass sie dafür noch die beste Wahl ist.

Neulich fragte die Sängerin Rihanna "Anna" nach ihrer Frisur. Sie habe tatsächlich einmal den Look gewechselt, verriet Wintour. Das sei allerdings ein fürchterliches Desaster gewesen, seitdem sei sie zu ängstlich und zu faul für Experimente. Auch der Bob wird auf unbegrenzte Zeit im Amt bleiben.

© SZ vom 02.11.2019
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