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Profil:Ada Colau

(Foto: Pau Barrena/AFP)

Barcelonas Bürgermeisterin im Spagat zwischen Tourismus und Corona.

Die kurze Zeit zwischen Ende des Lockdowns und "neuer Normalität" werden die Bewohner Barcelonas lange in Erinnerung behalten. Es waren Tage, in denen sie den öffentlichen Raum zurückeroberten, der zuvor den Touristen und zuletzt dem Virus gehört hatte. Viele nutzten die Gelegenheit, Monumente wie den Parc Güell zu besuchen, manche zum ersten Mal in ihrem Leben. Kinder spielten im Gotischen Viertel, Rentner flanierten auf den Ramblas. Kein Wunder also, dass viele die Öffnung der spanischen Grenzen für den Tourismus an diesem Sonntag mit gemischten Gefühlen erwarten.

Das geht Bürgermeisterin Ada Colau nicht anders. Die streitbare Rathauschefin hat stets versucht, die Exzesse des Massentourismus zu bremsen, ohne das Geschäft kaputt zu machen, auf das die meisten Bewohner angewiesen sind - eine äußerst schwierige Balance, die sie nicht ohne Sturheit austarierte. Damit Wohnraum für Einheimische im Stadtkern erhalten bleibt, hat sie Protesten getrotzt und Beschränkungen für Ferienapartments eingeführt sowie Investoren mit Strafen belegt, die Wohnungen zu Spekulationszwecken leer stehen ließen. Dann aber kam das Virus, das Barcelona so hart traf wie kaum eine andere Stadt Europas.

Fast zwölf Millionen Touristen haben Barcelona im Jahr 2019 besucht, im April und Mai 2020 kam kein einziger. Colau ließ Hotels zu Quarantänestationen umfunktionieren. Die Altstadt glich einer Geisterstadt wie zuletzt im Bürgerkrieg. Zwischen 3000 und 6000 Geschäftsbesitzer werden die Rollläden nie mehr hochziehen, so schätzt man. Colau selbst hat mehrmals betont, wie sie als zweifache Mutter unter den strengen Beschränkungen für Kinder während des confinamiento litt. Dass die 46-Jährige aber während dieser Zeit Selfies öffentlich machte, die sie lächelnd und bäuchlings auf der Couch zeigten, interpretierten viele als Frivolität. Dem Shitstorm hielt sie entgegen: "Ich bin immer noch dieselbe Person wie die, die vor fünf Jahren in die Politik eintrat, und wegen Twitter werde ich nicht aufhören, die zu sein, die ich bin."

Das passt zu einer Ada Colau, die sich stets als Nichtpolitikerin in der Politik inszeniert hat. Sie wurde spanienweit bekannt als die für Klartext stehende Sprecherin der Plattform der Hypothekengeschädigten, einer sozialen Bewegung von Menschen, die ihre Wohnungen verloren hatten. Colau und ihre Mitstreiter gingen nicht zimperlich vor, belagerten Banken, verhinderten Wohnungsräumungen, marschierten drohend vor den Häusern von Politikern auf. Ihre Wahl 2015 zur Bürgermeisterin auf der Liste der Linksalternativen war die Konsequenz der heftigen sozialen Proteste in Spanien.

Nun muss sie harte Realpolitik machen und den Tourismus mit der "neuen Normalität" in Einklang bringen, die die Regierung verordnet hat. Maskenpflicht und Abstandsgebot seien "gekommen, um zu bleiben", stellt Colau denn auch klar. Doch sie weiß selbst, wie schwer das umzusetzen ist in einer Stadt, deren Wesen die Enge, das Gewusel und Geschiebe, die spontane Umarmung sind. Die Bürgermeisterin hat das Programm "Barcelona Safe City" auflegen lassen, das für Unternehmer und Besucher Informationen bündeln soll, bis dahin, wo sich Menschenschlangen bilden. Denn sie hat den Ehrgeiz zu beweisen, dass Barcelona nicht nur Party kann, sondern auch Pandemiebekämpfung.

Ihre Pläne für eine sozialere und grüne Stadt mit Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs sind angesichts coronabedingt leerer Kassen erst mal dahin. Als hätte das nicht gereicht, wurde im Mai bekannt, dass Nissan sein Werk bei Barcelona schließen werde, wodurch auch noch die ohnehin spärlichen Industriearbeitsplätze rarer werden. Wie es sich für eine Linke gehört, stattete die Bürgermeisterin den protestierenden Arbeitern einen Besuch ab. Doch viel mehr als ermutigende Worte hat auch sie in dieser gewaltigen Notlage nicht zu bieten.

© SZ vom 20.06.2020

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