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Präsidentschaftswahl in Venezuela:Der Anti-Comandante

Hugo Chávez will in Venezuela seine vierte Wahl gewinnen. Zum ersten Mal hat er einen echten Rivalen, Henrique Capriles. Dessen Gefolgschaft wächst mit der Enttäuschung über den Präsidenten.

Sein Name und sein Bild sind immer noch überall in Caracas, und gleich wird er sich leibhaftig zeigen. Hugo Chávez Frías, Venezuelas Präsident seit 1999. Sozialist und Revolutionär im Namen des Befreiers Simón Bolívar. Herrscher über die größten Ölfelder der Welt. Comandante und Patient der Nation. Sponsor halb Lateinamerikas. Umstrittenster Lautsprecher der Region.

Die deprimierenden Wohnblöcke und Ziegelhütten von Catia im Westen der Hauptstadt sind mit seinen Porträts tapeziert, als er sich an einem schwülen Nachmittag seinen Fans nähert. "Chávez, Herz meines Vaterlands" steht auf Plakaten, mit dem Spruch will er am Sonntag seine vierte Wahl gewinnen. "Uh, ah, Chávez no se va", reimen Einpeitscher, Chávez geht nicht. Seine Gemeinde trägt Rot, Minister werfen bunte Leibchen aus einem Lkw. Minister gehen in Stellung. "Hier kommt der bolivarische Hurrikan", schreit eine Stimme aus dröhnenden Boxen. Dann ist er da.

Verehrt und gehasst

Hugo Chávez, 58, wird von seinen Bewachern durch die Menge geschoben, ein mittelgroßer Mann in blauer Jacke über rotem Shirt. Frauen kreischen, Chávez löst an der Basis nach wie vor Ekstase aus. Kein anderer Politiker wird auf dem Subkontinent so verehrt oder gehasst. Monatelang war der redselige Rebell nur vereinzelt im Fernsehen zu sehen. Chávez hat Krebs und flog zur Behandlung nach Kuba, seine Haare fielen aus. Inzwischen sind sie nachgewachsen, er bezeichnet sich als geheilt. Sein Zustand ist so rätselhaft wie der Ausgang dieser Wahl. Aus der Nähe sieht man ein etwas aufgedunsenes Gesicht, ansonsten wirkt er fidel. Sicher ist: Chávez kämpft seinen schwersten Kampf.

Geklärt wird am 7. Oktober nicht nur die Frage, ob er bis 2019 bleiben und seine Ära auf 20 Jahre ausbauen darf, falls er durchhält. Es geht darum, ob sein bolivarischer Orkan noch stark genug bläst oder in einem Sturm der Empörung endet. "In ein paar Tagen werden wir der Bourgeoisie eine Lektion erteilen", verspricht Chávez den Reportern, das Publikum johlt. "Das ist eine Schlacht der Wahrheit gegen die Lüge, des Volkes gegen die Bourgeoisie, des Sozialismus gegen den Kapitalismus. Wir werden mit dem Sozialismus und dem erwachten Volk siegen." Der Offizier a. D. liebt militärische Sprache und Gesten. Doch seine Freunde werden weniger und seine Feinde mehr. Zu seinen Gegnern zählen seine Gesundheit und seine Bilanz. Und erstmals hat der Seriensieger aus dem Palacio Miraflores einen echten Rivalen.

"Hay un camino"

Sein Herausforderer läuft an einem warmen Morgen durch den Slum Petare im Osten von Caracas. Henrique Capriles Radonski ist 40 Jahre alt und drahtig, das orange Hemd klebt durchgeschwitzt am Körper. Sein Motto: "Hay un camino", es gibt einen Weg. In Petare sind die Wege eng und steil, Capriles spaziert und joggt zwischen Leibwächtern, Beratern und hupenden Anhängern. Aus einer Ecke fliegen Flaschen, es gab im Wahlkampf Tote.

Nach zwei Stunden erreicht die Karawane das Zentrum von Petare, Capriles steigt auf einen Pick-up: "Es gibt nichts Schlimmeres als ein messianisches und personalisiertes Projekt", brüllt er ins Mikrofon und bohrt den rechten Zeigefinger in die Luft. "Wir wollen kein politisches Projekt vertiefen wie die Regierung, wir wollen ein besseres Venezuela", ruft Capriles. "Wir haben Antworten auf die Probleme Venezuelas, wir haben Vorschläge für Gesundheit und Erziehung, für den Fortschritt und gegen die Gewalt. Diese Regierung hat nach 14 Jahren nichts mehr zu bieten."

Seine Gefolgschaft wächst mit der Enttäuschung über Chávez, obwohl der Kandidat neben dem Haudegen ein Leichtgewicht ist. Erst hatte die Opposition geputscht, gestreikt und boykottiert. Das stärkte Chávez und machte ihn radikaler, er gewann Wahlen und Referenden und änderte mit großer Mehrheit die Verfassung. Erst bei der Parlamentswahl 2010 rückte eine demokratische Union von rechts bis linker Mitte seiner sozialistischen Partei nahe. Jetzt probiert es der vereinte Widerstand mit dem juvenilen Bewerber Capriles, Gouverneur der Provinz Miranda.