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Porträts von russischen und deutschen Veteranen:Was Stalingrad für Überlebende bedeutet

Eine Fotografin und ein Historiker besuchen Stalingrad-Veteranen in Russland und Deutschland. Was dabei herauskommt? Beeindruckende Fotos - und die Einsicht, dass die Erfahrung des Krieges die Kämpfenden auf beiden Seiten auch nach Jahrzehnten nicht los lässt.

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Porträts von russischen und deutschen Veteranen:Heinz Huhn

Stalingrad-Veteranen

Quelle: Emma Dodge Hanson

Am 2. Februar 1943 kapitulierte die 6. deutsche Armee im Kessel von Stalingrad. Fast hunderttausend Deutsche mussten in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Die russischen Soldaten feierten einen symbolisch wie taktisch wichtigen Sieg. Für deutsche Veteranen bedeutet die Schlacht um Stalingrad denn auch einen traumatischen Einschnitt, ehemalige russische Soldaten betonen hingegen mehr die Pflichterfüllung und den positiven Moment ihrer Selbstwerdung - das ist die Erkenntnis, die der deutsche Historiker Jochen Hellbeck aus Interviews mit Überlebenden der Schlacht gezogen hat. Zugleich stellte er fest, wie massiv die Erfahrung des Krieges die Kämpfenden auf beiden Seiten fürs Leben prägte. Zusammen mit der amerikanischen Fotografin Emma Dodge Hanson besuchte er Stalingrad-Veteranen in Russland und Deutschland in ihrer häuslichen Umgebung. Süddeutsche.de zeigt einige der dabei entstandenen Bilder, auf denen die Veteranen Fotos aus ihrer Soldatenzeit zeigen. Die Zitate der Veteranen und die Informationen über ihr Leben entstammen dem Katalog einer Ausstellung, die im Jahr 2010 in Wolgograd, dem früheren Stalingrad, gezeigt wurde. Ihr Titel "Gesichter von Stalingrad".

"Stalingrad lässt mich sowieso nicht mehr los. Mein ganzes Leben lang. Das hat einen als jungen Menschen geprägt, weil das ja ein Desaster war. Man hat viele gute Kameraden verloren. Manchmal weiß man noch, wie sie ums Leben kamen und wie sie geschrien haben."

Heinz Huhn wurde 1920 im sächsischen Rochlitz geboren. Im Juni 1941 wurde er aus Frankreich an die Ostfront verlegt. Nach einem ersten Einsatz in Stalingrad wurde er wenige Tage vor der Einkesselung der 6. Armee auf Heimaturlaub geschickt. Nach seiner Rückkehr im November kämpfte er in der Panzergruppe Hoth, die vergeblich versuchte, den Stalingrader Kessel von außen zu sprengen. Er lebt heute in Wiesbaden.

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Porträts von russischen und deutschen Veteranen:Grigori Swerew

Stalingrad-Veteranen

Quelle: Emma Dodge Hanson

"Alpträume habe ich (nach dem Krieg) schon gehabt, aber ich habe mich nie von irgendwelchen bestimmten Vorfällen verfolgen lassen. Nicht, dass ich sie verdrängt hätte, aber da standen andere Dinge im Vordergrund, ich gründete eine Familie. (...) Ich glaube nicht, dass das, was ich durchgemacht habe, meine Psyche zerstört hat."

Grigori Swerew wurde 1923 in Petrograd, dem heutigen St. Petersburg, geboren.  Seine Reserveeinheit wurde im Juli 1942 in die Donsteppen verlegt. Während der Schlacht von Stalingrad diente er als Verschlüsseler. Nach dem Krieg trat er in die Militärische Flugakademie ein. Er lebt in Moskau.

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Porträts von russischen und deutschen Veteranen:Franz Schieke

Stalingrad-Veteranen

Quelle: Emma Dodge Hanson

"Was mich bewegt ist, dass man nicht in der Lage gewesen ist, die Geschichte aufzuarbeiten. Ich meine, dass man selbst heile aus dem Ding rausgekommen ist, ist die eine Seite. Aber man muss sich doch die Frage stellen, warum?"

Franz Schieke wurde 1922 in Hecklingen (Anhalt) geboren. Er wurde 1941 zur Wehrmacht einberufen und war von September 1942 an Bursche des Bataillonskommandeurs Gerhard Münch (siehe Bild 5). Nach sieben Jahren sowjetischer Kriegsgefangenschaft kehrte er nach Ostdeutschland zurück. Er lebt in Berlin.

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Porträts von russischen und deutschen Veteranen:Johann Scheins

Stalingrad-Veteranen

Quelle: Emma Dodge Hanson

"Ich hab' schon ein paar Mal Einladungen bekommen nach Stalingrad. Ist klar, da fahr' ich nicht mehr hin. Da laufe ich mit einem Toten eher."

Johann Scheins wurde 1920 bei Aachen geboren. 1941 wurde er zur Wehrmacht einberufen. Er war LKW-Fahrer bei der 16. Panzerdivision, die den Vorstoß nach Stalingrad leitete. Er war vom 29. Januar 1943 bis 1949 in sowjetischer Kriegsgefangenschaft. Scheins lebt nahe Aachen.

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Porträts von russischen und deutschen Veteranen:Gerhard Münch

Stalingrad-Veteranen

Quelle: Emma Dodge Hanson

Gerhard Münch: "Alles, was mit Stalingrad zusammenhängt, ist für uns eine Richtschnur geworden. Wenn irgendwann mal die geringsten Spannungen entstehen, braucht nur das Stichwort 'Stalingrad' zu fallen - Ruhe. Es ist so verbindend, das Erlebnis ist beiderseits so ungeheuer."

Frau Münch: "Das war der Maßstab. Daran gemessen, war alles später klein. Auch heute noch."

Gerhard Münch wurde 1914 bei Linz am Rhein geboren. 1941 heiratete er. Er war während der Schlacht von Stalingrad Hauptmann und Bataillonskommandeur. Am 21. Januar 1943 wurde er zum Generalstabslehrgang beordert und mit einem der letzten Flugzeuge aus Stalingrad ausgeflogen. Er lebte mit seiner Frau bei Bonn. Münch starb im Dezember 2011.

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Porträts von russischen und deutschen Veteranen:Anatoli Mereschko (mit Foto von Armeegeneral Wassili Tschuikow)

Stalingrad-Veteranen

Quelle: Emma Dodge Hanson

"Stalingrad bedeutet meine Geburt als Kommandeur. Beharrlichkeit, Berechnung, Weitsicht - all die Eigenschaften, die ein echter Kommandeur haben muss."

Anatoli Mereschko wurde 1921 in Nowotscherkassk bei Rostow am Don geboren. Er gelangte im Mai 1942 von der Offiziersschule direkt an die Front auf der Krim und diente während der Schlacht von Stalingrad als Leutnant im Stab der 62. Armee. Er lebt in Moskau.

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Porträts von russischen und deutschen Veteranen:Boris Krischanowski

Stalingrad-Veteranen

Quelle: Emma Dodge Hanson

"1945 kehrten wir nach Stalingrad zurück. Es war eine schwere Zeit. Eine sehr schwere Zeit. Ich würde sagen, dass es nicht leichter war als während des Krieges."

Boris Krischanowski erlebte die Schlacht um Stalingrad als Einwohner der Stadt. Er wurde dort 1930 geboren und war zwölf Jahre alt, als die Deutschen die Stadt stürmten. Er überlebte die Bombenangriffe von August und September 1942. Im Oktober wurde er mit seinen Eltern und Geschwistern zu Zwangsarbeiten in die Ukraine deportiert. Er lebt in Moskau.

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Porträts von russischen und deutschen Veteranen:Luzia Kollak (mit Foto ihres Ehemannes Gerhard)

Stalingrad-Veteranen

Quelle: Emma Dodge Hanson

"Stalingrad liegt wie ein Koloss auf meinem Herzen. Wie ein Stein."

Luzia Kollak wurde 1918 in Alleinstein in Ostpreußen geboren. Sie war den Krieg hindurch als Krankenschwester tätig. 1940 heiratete sie den Panzersoldaten Gerhard Kollek. Dieser sieht seine 1941 geborene Tochter Doris nur zweimal auf Heimaturlauben. Im Oktober 1942 wird er nach Stalingrad zurückbefohlen. Er gerät Ende Januar 1943 in sowjetische Kriegsgefangenschaft und stirbt später auf dem Transport nach Usbekistan. Seine Witwe lebt mit der Tochter in Münster.

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Porträts von russischen und deutschen Veteranen:Alexander Woronow und Maria Faustowa

Stalingrad-Veteranen

Quelle: Emma Dodge Hanson

Maria Faustowa: "Ich mag die Kriegsmedaillen nicht. Die einzige Auszeichnung, über die ich mich freue, ist, dass ich nach Stalingrad noch am Leben war."

Maria Faustowa wurde 1922 in Jelez im Gebiet Lipezk geboren. Sie meldete sich 1941 freiwillig zur Roten Armee und machte eine Ausbildung zur Funkerin. Sie diente in der 131. Schützendivision, die sich von Charkow nach Stalingrad zurückzog. In dieser Einheit traf sie Alexander Woronow (geboren 1920 in Rostow am Don), den Kommandeur einer Panzerabwehrbatterie. Hauptmann Woronow wurde im August 1942 bei Kalatsch schwer verwundet. Die Division, in der Faustowa diente, wurde im Herbst 1942 zur Neuformierung aus dem Kampf gezogen. Maria und Aleksandr heirateten 1945. Sie leben in Moskau.

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Porträts von russischen und deutschen Veteranen:Vera Buluschowa

Stalingrad-Veteranen

Quelle: Emma Dodge Hanson

"Ich zog in den Krieg und erfüllte meine Pflicht."

Vera Buluschowa wurde 1921 in Puschkino bei Moskau geboren. Sie meldete sich 1941 freiwillig zur Roten Armee. Während der Schlacht von Stalingrad arbeitete sie im Nachrichtendienst der 62 Armee. Sie lebt in Moskau.

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Porträts von russischen und deutschen Veteranen:Gerhard Hindenlang (mit Foto von Generalmajor Friedrich Roske)

Stalingrad-Veteranen

Quelle: Emma Dodge Hanson

"Wir waren damals begeistert. Das ging vorwärts."

Gerhard Hindenlang wurde 1916 in Berln geboren. Er diente als Oberleutnant in der 71. Infanterie-Division. Im Januar 1943 wurde er Adjutant des Divisionskommandeurs Fritz Roske. Er war vom  31. Januar 1943 bis 1952 in sowjetischer Kriegsgefangenschaft und ließ sich anschließen in Hannover nieder. Gerhard Hindenlang starb im März 2010.

Jochen Hellbeck ist Professor für Geschichte an der Rutgers University in New Jersey. Er ist der Verfasser von "Die Stalingrad-Protokolle. Sowjetische Augenzeugen berichten aus der Schlacht, Frankfurt am Main 2012. Er ist per Email unter hellbeck@rutgers.edu erreichbar.

Die Fotografin Emma Dodge Hanson lebt in Saratoga Springs im US-Bundesstaat New York.

© Süddeutsche.de/gal/odg
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