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Porträts von Menschen auf der Flucht:"Das Etikett 'Flüchtling' verschwindet"

Flüchtlinge

Alberto und Bujar aus Montenegro - und in der Mitte gespiegelt: Fotograf Martin Gommel

(Foto: Martin Gommel)
  • Er hat Menschen im öffentlichen Raum fotografiert und die Ödnis deutscher Dörfer. Seit Mitte Dezember hat Martin Gommel sich einem neuen Projekt verschrieben: Er porträtiert Flüchtlinge in Karlsruhe.
  • Sein Ziel: Sichtbar zu machen, welche Menschen und Schicksale hinter den in den Medien vermeldeten Zahlen stecken.
  • Die Fotos veröffentlicht Gommel, der auch das Online-Fotomagazin Kwerfeldein.de herausgibt, auf seinem Tumblr. Bei manchen Bildern zögert er jedoch, sie zu zeigen - trotz ihres großen emotionalen Gehalts.
  • Die Porträtserie verändert ihn auch selbst, sagt Gommel. "Es ist sehr bewegend, das zu dokumentieren."

Von Barbara Galaktionow

SZ.de: Warum fotografieren Sie Flüchtlinge?

Martin Gommel: Das Thema schwelte eine ganze Zeit in mir. Ich war unzufrieden damit, dass ich im Netz und in den Zeitungen immer nur Zahlen über Flüchtlinge gelesen habe oder Berichte über die Demos, Pegida, Gegendemonstrationen. Die Menschen selber kamen aber nicht wirklich vor. Ich wollte mehr über sie erfahren. Deshalb bin ich in Karlsruhe, wo ich wohne, da hingegangen, wo sich Flüchtlinge aufhalten.

Wo und wie kommen Sie mit den Flüchtlingen ins Gespräch?

Ich spreche die Flüchtlinge hauptsächlich auf der Straße an, vor den Erstaufnahmestellen. Reingegangen bin ich da nicht - denn dafür würde ich eine Genehmigung brauchen und dürfte zudem nur mit Begleitung fotografieren. Auch in einem Flüchtlingsheim war ich deshalb bisher nur einmal. Ich heiße die Menschen erst einmal willkommen, stelle mich vor, frage, wie es ihnen geht. Die Kamera zeige ich ganz offen. Die Leute sollen verstehen, was ich will und wer ich bin. Ich spreche sie immer an, bevor ich sie fotografiere.

Wie reagieren die Menschen?

Ganz unterschiedlich. Manche fangen direkt an, mir ihre Lebensgeschichte zu erzählen, die haben ein enormes Mitteilungsbedürfnis. Andere wollen in Ruhe gelassen werden, das mache ich dann natürlich auch. Etwa drei Viertel der Angesprochenen reden mit mir, die meisten darf ich dann auch fotografieren.

Stellen Sie alle Fotos der Serie ins Netz?

Fast alle. Es gibt allerdings ein paar Bilder, bei denen ich mir unsicher bin, ob ich sie zeigen soll. Denn sie zeigen sensible Momente von Menschen, deren Situation erschreckend desolat ist, Menschen, die so zerbrochen sind, dass sie mein Fotografieren vielleicht gar nicht richtig wahrnehmen. So habe ich Fotos von einem Mann gemacht, der in der Türkei an der Grenze zu Syrien lebte - und Angehörige auf beiden Seiten der Grenze verloren hat. Der Mann selbst hat nicht gesprochen. Menschen, die ihn begleiteten, haben gesagt, es sei in Ordnung, wenn ich ihn fotografiere. Er saß vor der Erstaufnahmestelle in Karlsruhe am Boden, die Hände über dem Gesicht zusammengefaltet und hat geweint. Neben ihm hing ein Plakat mit einem lachenden Zirkus-Clown an der Wand. Es ist ein Bild, das ein großes emotionales Gewicht hat. Es macht sichtbar, wie krass das ist, seine Familie zu verlieren. Normalerweise sieht man das den Menschen ja nicht an. Doch ich weiß nicht, ob ich das zeigen soll. Ich möchte da einfach nicht zu weit gehen.

In einem Tweet haben Sie geschrieben, dass diese Fotoserie sie selbst verändert. Inwiefern?

Man kann nicht dieselbe Person bleiben, wenn man die Menschen und ihre Schicksale kennenlernt. Ich hatte bislang keinen Kontakt zu Flüchtlingen. Wenn ich dann auf der Straße einem Vater begegne, der sein krankes, bleiches Kind trägt und zum Doktor muss, einen Zettel in der Hand und sich nicht auskennt, die Sprache nicht kann, dann berührt mich das sehr. Das Etikett "Flüchtling" verschwindet und man sieht den tatsächlichen Menschen. Ich bin oft sehr traurig nach den Gesprächen. Ich bin selbst Vater von zwei Kindern, habe eine tolle Frau. Ich bin sehr dankbar für die Sicherheit, in der wir leben.

Wie sind die Reaktionen auf Ihr Projekt?

Ich bin sehr überrascht über das große Feedback. Aber ich habe auch bislang kein Thema bearbeitet, das auf der politischen und gesellschaftlichen Ebene derart intensiv diskutiert wird. Überwiegend sind die Reaktionen positiv. Ab und an kommen aber auch Stimmen und Parolen von der anderen Seite. Auf Facebook hat mir jemand mal geschrieben: "Wir können ja die Flüchtlinge nicht bis zur Selbstaufgabe aufnehmen." Ich habe ihn dann gefragt: "Was hast Du denn selbst aufgegeben für Flüchtlinge?" Eine Antwort habe ich nie erhalten.

© Süddeutsche.de//ghe
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