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Polen:Raketen hinter Stacheldraht

Ende 2018 soll der Stützpunkt im nordpolnischen Redzikowo in Betrieb gehen, wenn alles nach Plan läuft.

(Foto: Wojtek Radwanski/AFP)

Bei Słupsk entsteht die erste polnisch-amerikanische Militärbasis. Obwohl dort nur 300 Soldaten stationiert sein werden, sind viele Bewohner darüber alles andere als glücklich.

Achtzehn Kilometer stacheldrahtbewehrter Zaun sind um den ehemaligen Militärflugplatz von Redzikowo neu gezogen. Drinnen mähen Amerikaner Gras und heben Erde aus. Hier soll die erste amerikanisch-polnische Militärbasis entstehen, mit Wohnhäusern, Kraftwerk, einer Radarstation und Raketenschächten. "Wenn die Bauarbeiten auf vollen Touren laufen, fahren hier täglich über 1000 Lastwagen rein und raus. Geht alles nach Plan, nehmen wir Ende 2018 den Betrieb auf", sagt Oberst Witold Bartoszek, der polnische Kommandeur. Dann wird Redzikowo, das nahe der Ostsee beim Städtchen Słupsk liegt, nach einem im Mai im rumänischen Deveselu eröffneten Stützpunkt die zweite Raketenbasis sein, von der das US-Militär im Kriegsfall Mittelstreckenraketen mit SM-3-IIA-Raketen abschießen kann, bevor sie Europa erreichen.

Polens Regierung sieht die Militärpräsenz der Amerikaner auch als Schutz gegen Russland

Oberst Bartoszek ist 45 Jahre alt. Als er 1992 seinen Dienst begann, standen sowjetische Truppen in Polen. Bartoszek erlebte ihren Abzug, später kommandierte ihn die Regierung in Warschau mehrmals zu Einsätzen mit den Amerikanern ab. Bartoszek war im Irak und Afghanistan, seine Kenntnisse als Militärlogistiker verfeinerte er bei der US-Armee in Fort Leavenworth. Jetzt ist er Chef des polnischen Wachbataillons und erster Kommandeur von Redzikowo. Dort werden einmal gut 500 Amerikaner und Polen stationiert sein.

Der Oberst sieht die Basis als "wahrgewordenen Traum". Er weiß viele Polen hinter sich: Einer aktuellen Umfrage zufolge unterstützen 47 Prozent der Bevölkerung die Stationierung von mehr Nato-Soldaten in Polen; 27 Prozent sind dagegen. Offiziell dient die Basis dem möglichen Einsatz gegen aus dem Nahen Osten - sprich: Iran - abgefeuerte Raketen. Die polnische Regierung aber sieht jede Militärpräsenz der Amerikaner auch als Sicherheitsgarantie gegen ein erstarkendes Russland. Auch in Redzikowo, wie von der Enthüllungsplattform Wikileaks veröffentlichte Geheimberichte der Amerikaner bestätigten. Demnach versicherte ein US-Offizier den Polen, Raketenbasen wie Redzikowo könnten im Fall von "Drohungen aus unvorhergesehener Richtung" aufgerüstet werden und ihr Radar neu ausrichten.

Russlands Präsident Wladimir Putin drohte wiederum, die Basen in Rumänien und Redzikowo könnten zur Zielscheibe werden. Genau diese Logik macht den Einwohnern von Redzikowo und der daneben liegenden 100 000-Einwohner-Stadt Słupsk Angst. "Die Basis ist nicht einmal vier Kilometer vom Rathaus im Stadtzentrum entfernt - keine glückliche Wahl für ein hochbrisantes Militärobjekt", sagt Słupsk Bürgermeister Robert Biedroń. "Im Kriegsfall wären wir Russlands erstes Ziel", sagt auch Adam Sędzinski, Beigeordneter der Gemeinde Słupsk.

Dass an höherer Stelle über Słupsks Schicksal entschieden wird, ist nicht neu. Als Stolp war das Städtchen Garnisonsstadt des preußischen Militärs. Redzikowo - damals Reitz - war ein verschlafenes Dorf, bevor es die deutsche Armee im Ersten Weltkrieg zum idealen Ort für einen Militärflugplatz erklärte. Der Flughafen diente Hitlers Luftwaffe beim Überfall auf Polen 1939 als ein Startpunkt. Nach dem Krieg stationierte Polens Luftwaffe in Redzikowo ein Jagdfliegerregiment, für das mehr als 2500 Soldaten und Zivilisten arbeiteten. Nach der Jahrtausendwende gab Polens schrumpfende Armee erst das Regiment auf, später auch den Flughafen.

Noch heute erinnern vier aufgebockte MiG-Jagdflugzeuge an die Jahrzehnte im Warschauer Pakt. Sonst herrscht in Redzikowo die übliche Tristesse der polnischen Provinz. "Die Post hat geschlossen, der Friseur hat geschlossen, die Geschäfte haben geschlossen", sagt der Rentner Marcin, der einmal selbst als Pilot auf dem Flughafen diente. Sein Sohn ist längst fortgezogen. Beim 66 Jahre alten Ludvik Makarevic ist es ähnlich. Nur seine Tochter Agata ist noch da, sie arbeitet in der Stadtverwaltung. "Meine Söhne Rafal, Dominik und Marcin sind schon vor Jahren nach England und Frankreich ausgewandert", sagt Makarevic.

Direkt neben dem Zaun stehen ein Sportzentrum und ein Schwimmbad: Gebaut von der Słupsker Verwaltung vor ein paar Jahren, als sie den aufgegebenen Flugplatz zum Industrie- und Geschäftspark machen und so die dramatische Abwanderung aus der Region stoppen wollten. "Wir rechneten mit bis zu 7000 Arbeitsplätzen und vielen Steuerzahlern", sagt Adam Sędzinski von der Gemeinde. "Doch dann entschied Warschau, ohne uns zu informieren, dass hier die Radar- und Raketenbasis hinkommt."

Um der Region die Entscheidung zu versüßen, versprach Polens damaliger Ministerpräsident Donald Tusk bei einem Treffen mit Lokalpolitikern im Herbst 2008 mehr Informationen und Förderung. "Darauf warten wir heute noch", sagt Sędzinski. Ob eine zweispurige Schnellstraße nach Danzig, Ersatzgelände für das geplante Industriegebiet oder Unterstützung für eine Fachhochschule - bisher wurde keine Forderung erfüllt.

Der wirtschaftliche Nutzen einer kleinen US-Militärbasis für die Region ist gering, die Einschränkungen durch Sicherheitsanforderungen hingegen erheblich. Zu Hochzeiten arbeiteten auf der Baustelle etwa 3000 Menschen, schätzt Kommandeur Bartoszek. Doch einheimische Unternehmen haben wenig davon - den Großauftrag bekam eine amerikanisch-britische Baufirma. Vor ein paar Monaten, erzählt Bürgermeister Biedroń, war der US-Botschafter zu Gast: Die Menschen könnten stolz auf die künftige Militärbasis sein. Schließlich kenne bald jeder Amerikaner die Namen Słupsk und Redzikowo, was bestimmt viele Touristen anlocke. Doch der Bürgermeister ist skeptisch: "Welcher Tourist will sich schon einen mit Stacheldraht abgesperrten Wald ansehen?" Die etwa 300 US-Marines und andere US-Spezialisten, die einmal auf der Basis stationiert sein sollen, werden vor allem "in ihrer eigenen Welt mit eigenem Supermarkt und eigenem Kino leben", sagt der Bürgermeister.

Neue Gebäude, die größer als ein Supermarkt sein sollen, müssen in weitem Umkreis vom polnischen und US-Militär genehmigt werden, Windparks sind wegen möglicher Beeinträchtigungen der geplanten Radaranlagen wohl gar nicht erlaubt. Einer Studie des Danziger Beratungsgesellschaft AKP zufolge wird die Basis der Region einen wirtschaftlichen Nutzen von jährlich knapp acht Millionen Euro bringen. Mehr als das Dreifache aber, 26 Millionen Euro jährlich, werden der Region entgehen, weil Firmen wegbleiben oder Einnahmen durch Windparks entfallen.

Im Rathaus von Słupsk liegt ein Aktenordner: Kopien der Briefe, die Bürgermeister Biedroń, seine Vorgänger und andere Gemeindevorsteher der Region seit knapp einem Jahrzehnt nach Warschau geschrieben haben, mit ihren Bedenken und der Forderung nach Entschädigung. Drei Briefe gingen in den vergangenen drei Monaten allein an die aktuelle Regierungschefin Beata Szydło. "Eine Antwort haben wir bisher nicht bekommen", sagt der Bürgermeister.

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