Polen:Die Erbin

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Aleksandra Dulkiewicz war Stellvertreterin des ermordeten Danziger Bürgermeisters Paweł Adamowicz, nun ist sie mit großer Mehrheit in das Amt gewählt worden. Seine liberale Politik will sie fortsetzen.

Von Florian Hassel, Warschau

Danzig Aleksandra Dulkiewicz gewinnt Bürgermeister Wahl March 3 2019 Gdansk Poland Aleksandra

Volle Rückendeckung: Aleksandra Dulkiewicz (Mitte) konnte im Wahlkampf auf breite Unterstützung zählen – auch das trug zu ihrem klaren Sieg bei.

(Foto: Mateusz Slodkowski/imago)

Es war der erwartete Triumph, als Danzigs städtische Wahlkommission am Montag das Ergebnis einer außerplanmäßigen Wahl zum Oberbürgermeister bekannt gab: Aleksandra Dulkiewicz ist Nachfolgerin von Paweł Adamowicz, Danzigs langjährigem, Mitte Januar ermordeten Stadtoberhaupt. 82 Prozent der Danziger Wähler stimmten für Dulkiewicz. Sie war viele Jahre Mitarbeiterin Adamowicz' und tritt ebenfalls für die Werte ein, die die 575 000-Einwohner-Stadt Danzig seit Jahren zum Gegenentwurf ausgrenzender Politik auf nationaler Ebene machen. "Herr Oberbürgermeister, Chef, lieber Paweł! Ich verspreche dir, dass wir, die Danziger, dein Testament erfüllen werden!", versprach Dulkiewicz nach Adamowicz' Tod.

Dieses Testament ist vor allem ein Programm gesellschaftlicher Liberalität, das im gespaltenen Polen aber längst nicht von allen begrüßt wird. Sowohl der ermordete Oberbürgermeister als auch die von ihm geförderte Juristin Dulkiewicz gehörten zu den im Land seltenen Konservativen, die im Lauf ihrer Karriere liberaler wurden. Wie ihr früherer Chef trat auch Dulkiewicz in Danzig für die Integration von Flüchtlingen und Migranten ein, für kostenlose Programme zur künstlichen Befruchtung für kinderlose Paare, für die Rechte von Schwulen und Lesben und eine moderne Sexualerziehung in Danzigs Schulen: all dies Maßnahmen, die der nationalpopulistischen Partei "Recht und Gerechtigkeit" (Pis) ebenso ein Dorn im Auge sind wie großen Teilen der katholischen Kirche und vielen traditionell denkenden Polen auf dem Land.

Danzig aber versteht sich seit Langem als offene Stadt - auch im Umgang der Stadtväter mit den Wählern. Nach dem Mord an Adamowicz pflegte Dulkiewicz im nur einige Wochen kurzen Wahlkampf den gleichen Stil wie im Herbst 2018, als sie die Wahlkampagne ihres Chefs organisierte: mit offenen Treffen in allen Stadtvierteln oder an Straßenbahnhaltestellen, in denen sie sich den Bürgern stellte. Bevor ihre Mitarbeiter ihr am Montag im Rathaus mit Rosen und dem sonst an Geburtstagen gesungenen Ständchen "100 Jahre" gratulierten, bedankte sich Dulkiewicz vor dem Hauptbahnhof mit Napfkuchen und heißem Kaffee bei den Danzigern für ihre Wahl.

Dulkiewicz hat trotz ihrer erst 39 Jahre eine vielseitige Karriere hinter sich: Ihr Vater Zbigniew, aktiver Oppositioneller im kommunistischen Polen, war Mitbegründer der Selbstverwaltung der Danziger Region. Tochter Aleksandra hatte gerade ihr Rechtsstudium abgeschlossen, als sie 2005 Adamowicz' Assistentin wurde. Danach arbeitete sie im Europäischen Solidarność-Zentrum, einem der wichtigsten Intellektuellen-Treffpunkte nicht nur Danzigs, sondern ganz Polens. Als Bevollmächtigte des Oberbürgermeisters verhandelte sie mit der Uefa über die Organisation der Fußball-EM 2012 in Danzig. Als Stadträtin war sie Fraktionschefin der Konservativen, seit 2017 als Stellvertreterin des Oberbürgermeisters für Wirtschaftsfragen zuständig. Als die in Polens Großstädten ausnahmslos schlecht vertretene Pis zeitweise überlegte, die Amtszeit von Oberbürgermeistern auf maximal zwei zu begrenzen, sah Adamowicz seine Stellvertreterin bereits als mögliche Nachfolgerin, so das Wochenmagazin Polityka.

Die bekennende Katholikin will mehr Krippenplätze schaffen und künstliche Befruchtungen zahlen

Nach dem Mord an Adamowicz übernahm Dulkiewicz dessen Wahlprogramm: Förderung von Unternehmertum, Ausbau des Nahverkehrs, Bau neuer Fahrradwege, Vorschulen und Kinderkrippen, mehr Impfungen und Finanzierung künstlicher Befruchtung. Die Gründung eines Anti-Diskriminierungszentrums, in dem sich jeder offiziell beschweren kann. Mehr Wohnungen für Frauen, die vor gewalttätigen Ehemännern fliehen. Doch die meisten Wähler waren für Dulkiewicz, weil sie Adamowicz' politische Erbin ist.

Die bekennende Katholikin, die nie verheiratet war und ihre elf Jahre alte Tochter Zosia allein aufzieht, wurde im Wahlkampf von Adamowicz' Bruder Piotr und seiner Witwe Magdalena unterstützt, von Danziger Bürgerrechtlern und Legenden der Solidarność-Bewegung sowie vom langjährigen Ex-Regierungschef Donald Tusk, der aus Danzig stammt. Danziger Frauen sahen zudem die Chance, erstmals eine Frau zum Stadtoberhaupt zu wählen. Polens Regierungspartei Pis und die konservative Bürgerplattform (PO) stellten erst gar keinen Gegenkandidaten auf - wohl wissend, dass dies angesichts des Mordes an Adamowicz als geschmacklos ausgelegt würde; wissend auch, dass sie angesichts von Adamowicz' überwältigendem Wahlsieg im vergangenen Herbst ohnehin keine Chancen gegen dessen Erbin Dulkiewicz gehabt hätten.

Zwei angetretene Gegenkandidaten nutzten die Danziger Kandidatur wohl vor allem, um ihre Bekanntheit zu vergrößern: der rechtskatholische Bauunternehmer Marek Skiba und der ultrarechte Filmemacher Grzegorz Braun. Doch die Losungen der beiden kamen bei den Danzigern nicht sehr gut an. Skiba hatte Sexualkunde als moralischen Ruin bezeichnet, Braun sagte, der ermordete Adamowicz sei ein "Exponent der Mafia" gewesen. Ein weiterer Schlachtruf Brauns im Wahlkampf lautete: "Verteidige Danzig vor dem Diktat der Eurokommune und der Invasion der Immigranten! Deutsche und Juden werden uns nicht Geschichte lehren. Perverse werden unsere Kinder nicht erziehen!"

Polens Oberstes Gericht lehnte zudem eine Klage Brauns ab, mit der dieser versucht hatte, Dulkiewicz wegen angeblich ungültiger Unterschriften für ihre Kandidatenkür von der Wahl auszuschließen. Bei dieser erhielten Braun und Skiba zusammen nur rund 30 000 Stimmen - die restlichen knapp 140 000 gingen an Dulkiewicz. Ob sie nun eine Karriere auf nationaler Ebene anstrebe? Zu dieser Frage hat Danzigs neue Oberbürgermeisterin bislang geschwiegen.

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