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Plagiatsvorwurf gegen Schavan:Ein vernichtendes Urteil, wissenschaftlich verpackt

Das Gutachten versucht dennoch den Anschein der Schärfe zu vermeiden. Rohrbacher verweist darauf, dass vor gut 30 Jahren das Verständnis für unerlaubte Übernahmen noch nicht so entwickelt gewesen sei wie heute, Grenzfälle, über die sich zu Recht streiten lasse, habe er nicht berücksichtigt. Tatsächlich kommt Rohrbacher bei der 352-seitigen Doktorarbeit auf 60 fehlerhafte Seiten. Der anonyme Plagiateprüfer im Internet hat insgesamt 92 Seiten beanstandet. Dennoch kommt er am Ende zu einem klaren Ergebnis: Er schreibt vom "charakteristischen Bild einer plagiierenden Vorgehensweise", also von einem Plagiat und einer "leitenden Täuschungsabsicht", die "nicht nur angesichts der allgemeinen Muster des Gesamtbildes, sondern auch aufgrund der spezifischen Merkmale einer signifikanten Mehrzahl von Befunden" zu konstatieren sei. Es ist ein vernichtendes Urteil, in wissenschaftlichem Duktus verpackt.

Die Hauptbegründung: Schavan habe auf vielen Seiten ihrer Arbeit gezeigt, dass sie die wissenschaftlichen Methoden beherrsche, deshalb müsse sie an den mangelhaften Stellen bewusst dagegen verstoßen haben. Damit wäre eine Aberkennung des Doktortitels geboten, darüber entscheiden aber letztlich die Gremien der Universität. Das Gutachten ist die Grundlage für die Entscheidung. Schavan würde in diesem Fall ohne Studienabschluss dastehen, denn sie hatte ihr Studium ohne Magister oder Diplom mit der Doktorarbeit beendet.

Vor allem am Täuschungsvorwurf entzündet sich die Kritik von Wissenschaftlern. Der Plagiatsexperte und Bonner Juraprofessor Wolfgang Löwer sagt, es sei "problematisch", eine Täuschungsabsicht damit zu begründen, dass ansonsten großteils korrekt gearbeitet worden sei. Es sei auffällig, das Schavan offenbar besonders dort Fehler gemacht habe, wo sie ein fremdes Fach behandelte, nämlich Psychologie. Deutlich schärfer urteilt Wolfgang Frühwald, früher Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Er hält sowohl den Vorwurf des Plagiats als auch der Täuschung für abwegig. Er selbst würde seinen Doktoranden raten, "natürlich" nicht nur auf die Originalquellen zurückzugreifen, sondern auch die Sekundärliteratur zu verwenden. Dann aber reichten einige Fußnoten. Es gehe im Fall Schavan um handwerkliche Fehler, die jedoch nicht so ins Gewicht fielen. Die Dissertation habe neue Erkenntnisse geliefert. Der Literaturwissenschaftler und frühere Prorektor hat dabei einen Vorteil: Frühwald war von 1970 bis 2003 Professor, also auch schon in der Zeit, als Schavan einst promovierte.