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Parteien:Was da schlummert

AfD-Wähler gelten vielen als abgehängt oder frustriert. Doch eine Studie kommt zu dem Ergebnis: Anhänger der Partei sind zwar überdurchschnittlich pessimistisch, doch in der Mehrheit zufrieden mit ihrem Leben. Wie lässt sich das erklären?

Eigentlich sind es gar nicht so viele Deutsche, die ziemlich oder sehr unzufrieden mit der Demokratie sind. Aber man muss die Betonung wohl auf das Adverb legen: eigentlich. Die Konrad-Adenauer-Stiftung der CDU hat dieser Tage eine Studie vorgelegt, die auf den ersten Blick Entwarnung verspricht. Schaut man sich die Ergebnisse jedoch genauer an und vergleicht sie mit jenen, zu denen andere Wissenschaftler in jüngster Zeit gekommen sind, so erweisen sich zwei Thesen als trügerisch, die in vielen Parteien die Runde machen: dass sich erstens die AfD über kurz oder lang selbst demaskieren werde und dass man zweitens nur Probleme wie Rente oder Zuwanderung lösen müsse, um auch das Problem AfD zu erledigen.

Die Autorin Sabine Pokorny wertete fast 5600 Telefon-Interviews aus, die die Meinungsforscher von Kantar Emnid im Herbst 2018 vorgenommen hatten. Generell gilt: 37 Prozent der Deutschen sind mit der Demokratie ziemlich oder sehr zufrieden, aber nur 22 Prozent der Ostdeutschen. 81 Prozent der Deutschen und auch 78 Prozent der Ostdeutschen sind mit ihrem gegenwärtigen Leben sehr oder ziemlich zufrieden. Doch trotz dieser hohen Zufriedenheitswerte gibt es eine beträchtliche Minderheit, die bei der AfD Zuflucht sucht.

Auch 69 Prozent der Anhänger dieser Partei sind mit dem Leben zufrieden. Bei den Anhängern aller anderen Parteien ist der Prozentwert höher; aber immerhin: Selbst zwei von drei AfD-Anhängern sind zufrieden. Zugleich sind sie diejenigen, deren Sicherheitsgefühl am niedrigsten ist, die für die Gesellschaft am pessimistischsten sind - und deren Interesse an Politik besonders hoch ist: "wodurch sie ihrer Unzufriedenheit auch politisch im Wahllokal Ausdruck verleihen", wie die Autorin Pokorny schreibt. Zudem verorten sich die AfD-Anhänger selber viel weiter rechts, als es die Anhänger anderer Parteien tun.

Folgt daraus, dass sie mit der Demokratie wenig zu schaffen haben? So würden sie selbst es nie sehen; dies konnte man schon dem "Thüringen-Monitor" entnehmen, den die Erfurter Staatskanzlei Jahr für Jahr beim Zentrum für Rechtsextremismusforschung der Universität Jena in Auftrag gibt. In der Ausgabe von 2019 stellte das Forscherteam um die Politik-Professorin Marion Reiser eine hohe Zufriedenheit mit der Demokratie in dem Bundesland fest: 63 Prozent, zweithöchster Wert seit 2001. Zugleich stieg die Zahl derer, die auch dem NS-Regime gute Seiten attestieren, und auch der DDR mehr gute als schlechte Seiten. "Der überwiegende Teil dieser Personen empfindet darin keinen Widerspruch zu dem Bekenntnis zur Demokratie", heißt es im "Thüringen-Monitor". Und indem die Autoren die Zustimmung abfragten zu Sätzen wie "An deutsche Leistungen reichen die Leistungen anderer Völker nicht heran" oder "Juden passen nicht so recht zu uns", kamen sie zu dem Resultat: 24 Prozent, also fast ein Viertel aller Befragten, müssten als rechtsextrem eingestellt bezeichnet werden. Auch wenn diese deswegen nicht automatisch AfD wählen, so lässt sich doch sagen: Der pauschale Hinweis, dass man die AfD bitte nicht mit ihren Wählern gleichsetzen soll, geht zumindest in Thüringen an der Realität vorbei. Der Bielefelder Soziologe Wilhelm Heitmeyer wird sogar noch deutlicher. Er legte 2018 eine Abhandlung über "Autoritäre Versuchungen" vor. Darin schreibt er: "Autoritäre Aggression" sowie die Bereitschaft, autoritären Parteien zu folgen, "waren und sind in der Bevölkerung vorhanden, sie haben nur darauf gewartet, politisch aktiviert zu werden".

Dass es für den Erfolg der AfD überhaupt nicht darauf ankommt, wie zufrieden die Menschen mit der Wirtschaftslage sind, hat die Adenauer-Stiftung herausgefunden: In Thüringen gibt es exakt so viele Zufriedene wie in Bayern, nämlich 60 Prozent. Dass es trotzdem Anlass zur Zuversicht für Demokraten gibt, das wiederum steht im "Thüringen-Monitor": Die jüngsten Befragten, die im Alter zwischen 18 und 24, bewerteten die Demokratie "deutlich positiver und konsistenter" als die älteren.

© SZ vom 13.02.2020

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