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Paneuropäisches Picknick:Mit dem Picknickkorb in die Freiheit

Ein ungarischer Grenzer wollte vor 20 Jahren nicht mehr Gefängniswärter spielen und ließ die DDR-Flüchtlinge durch den schon brüchigen Zaun nach Österreich.

Michael Frank

"Etwas Dümmeres hätte mir nicht passieren können. Mir war klar, aller Wahrscheinlichkeit nach werde ich für Monate oder Jahre im Gefängnis landen." Arpad Bella ist nicht eingesperrt worden, er ist heute ein Held.

Am 19. August 1989 fand in Ungarn ein Friedensfest statt - viele DDR-Bürger nutzten es zur Flucht in den Westen.

(Foto: Foto: dpa)

Der damals 43-jährige Hauptmann kommandierte 1989 die ungarische Grenztruppe in der Sopronpuszta, an der Nahtstelle zum österreichischen Burgenland. Just an "seiner" Grenze hatten schon viele DDR-Bürger die Flucht versucht, ungezählte wurden aufgegriffen und zurückgeschickt.

Und dann das: Magyarische Europa-Aktivisten - so etwas gab es damals schon - veranstalten am 19. August 1989 im Örtchen Sopronköhida zwischen dem ungarischen Sopron (Ödenburg) und dem österreichischen St. Margarethen eine politische Party, die als das "Paneuropäische Picknick" in die Geschichte eingehen sollte.

Bilder einer Massenflucht

Ungarn, die "fröhlichste Baracke des Sozialismus", hatte ja schon längst den eigenen Bürgern das Reisen erlaubt. So verabredete man sich zu einem grenzüberschreitenden Friedensfest. Gleichsam als Höhepunkt des Picknicks durchbrachen rund 680 DDR-Bürger das brüchige Gatter, das die Grenze repräsentierte. Bilder von der Massenflucht gingen um die Welt.

Arpad Bella ließ die freiheitsdurstigen Deutschen laufen, wohl wissend, dass das alles nicht spontan vonstatten ging. Er hätte eigentlich einschreiten müssen, auch als Wächter einer ganz normalen Grenze. Er verfluchte sein Schicksal, denn er war sich sicher, dass man ihn zur Verantwortung ziehen würde - aber es siegte sein Pragmatismus: Denn nur schwere Gewaltmaßnahmen hätten den Ansturm der Flüchtenden aufhalten können.

Es hätte Verletzte, ja Tote geben können - trotz eines kryptischen Telegramms des Grenzkommandos vom selben Morgen, das Bella daran erinnert hatte, dass Grenzorgane die Waffen nur dann einsetzen dürften, wenn sie sich selbst bedroht fühlten.

Arpad Bella ließ seine Grenzer so tun, als sei nichts geschehen. Alles lief glimpflich ab. Der Chef der örtlichen österreichischen Grenzwachen, Johann Göltl, bekannte später freimütig, dass er eigentlich einschreiten wollte, denn die Erlaubnis für das grenzüberschreitende Spektakel galt nur für präzise aufgelistete Personen. Alles andere war illegaler Grenzübertritt, auch für den "freien Westen". Es war Bella, der den Österreicher überzeugte, Einschreiten bringe nur Unglück. Nun ist Bella der Held jenes Tages und der Österreicher sein Freund.

Die Regierung in Budapest hatte vermieden, die eigenen Grenztruppen einzuweihen. In dem von Michail Gorbatschows Perestrojka durchgeschüttelten Ostblock repräsentierte die Spitze der magyarischen Kommunisten die liberalste und reformfreudigste KP. Sie wollte nicht mehr für andere den Knastbüttel spielen und hatte das Picknick als Probelauf ausersehen. Die Frage war nur, wie würden die anderen Warschauer-Pakt-Staaten auf eine Massenflucht reagieren?

Ein unterdrücktes Volk befreit das andere

Die DDR verlangte von Ungarn, unverzüglich seine Grenzen für Ostdeutsche zu schließen. Budapest gab kühl zurück, wenn Ostberlin dies so wolle, müsse es das schon selber tun. Auch die Bundesregierung in Bonn war vorbereitet - nicht aber Bellas Grenzer. Die Umsicht des ungarischen Offiziers, der heute als Rentner bei Sopron lebt, rettete die Lage.

An diesem Mittwoch wird Bella sicher auch von Bundeskanzlerin Angela Merkel einen herzlichen Händedruck erhalten. Merkel reist zum Gedenken an die spektakuläre Aktion nach Sopron. Sie und der schwedische Außenminister Carl Bildt als EU-Ratsvorsitzender werden mit Staatspräsident Laszlo Solyom und Premier Gordon Bajnai sowie Österreichs Außenminister Michael Spindelegger feiern. Mit Soprons Bürgermeister Tamas Fodor werden sie die Marmorskulptur "Durchbruch" enthüllen. Das Werk des magyarischen Bildhauers Miklos Melocco symbolisiere die Befreiung "eines unterdrückten Volkes durch ein anderes unterdrücktes Volk", sagt die Inschrift.

Die älteste Einigungsbewegung des Kontinents

Ausgedacht hatte sich das Picknick die ungarische Sektion der Paneuropa-Union, der ältesten Einigungsbewegung des Kontinents. Organisiert wurde es vom Ungarischen Demokratischen Forum und den Freien Demokraten Ungarns, zwei Oppositionsparteien, die sich bereits unter der KP-Herrschaft formierten. Legende hingegen ist, dass Kaiser-Sohn Otto von Habsburg, lange Präsident der paneuropäischen Union, der eigentliche Ideengeber gewesen sei.

Das Picknick ließ die gärende Stimmung überschäumen. Im ungarischen Sommer 1989 hockten Hoffnung und Verzweiflung im selben Zelt. Auf Campingplätzen, in Gartenparzellen freundlicher Budapester und in den Wagenburgen aus Trabbis, Skodas und Wartburgs nisteten bereits Tausende DDR-Bürger, die sich entschlossen hatten, nicht mehr zurückzukehren.

Voller Hoffnung die einen, die den ersten Fluchtversuch über die Grüne Grenze noch vor sich hatten, den damals täglich Hunderte wagten. Ungarn hatte schon im Mai den Eisernen Vorhang, die hermetischen Grenzsperren mit Elektrodraht, Wachtürmen und Minenfeldern, abreißen lassen. Vielen, die in Ungarn Urlaub machten, gelang so spontan die Flucht, oft mit Hilfe ortskundiger österreichischer Helfer (heute würde man sie unhöflich Schlepper nennen).

Ein verhängisvoller Stempel

Unzählige aber wurden aufgegriffen und von den nachsichtigen ungarischen Grenzwachen lediglich zurückgeschickt. Freilich war da ein kleines verhängnisvolles Detail. Den Ertappten wurde ein Stempel in den DDR-Ausweis gedrückt, der seinen Eigentümer als gescheiterten Republikflüchtling denunzierte: Das hieß, bei Rückkehr in die DDR drohten Verfolgung, Verlust des Arbeitsplatzes, gar Gefängnis und Repressalien für die Familie.

Die mit dem Stempel im Pass saßen fest. Nach Hause führte kein Weg mehr, es blieb nur die Flucht nach vorne. In die Verzweiflung mischte sich die vage Hoffnung, Ungarn würde mit einer unbestimmten Zahl an illegalen "U-Booten" im eigenen Land irgendwann dem Druck nachgeben und die Ausreise erlauben.

Mit der Massenflucht beim Paneuropäischen Picknick brachen tatsächlich dann die Dämme. Nun machten sich die Ostdeutschen erst recht zu Zehntausenden nach Ungarn auf, das nicht mehr bereit war, seine Grenzen dicht zu halten. Die SED-Oberen in Ostberlin tobten, wagten aber nicht, die Grenzen des eigenes Landes völlig zu verriegeln.

Gezogen von einer Lada-Limousine, machte sich damals im Pulk auch ein besonderer Wohnwagen aus Berlin-Ost gen Ungarn auf den Weg: Beamte des Ministeriums für Staatssicherheit steuerten die ausufernden Camping-Heerlager ihrer fluchtwilligen Landsleute an, um den DDR-Bürgern die Bedingungen darzulegen, unter denen sie "straffrei" heimkehren könnten. Den uniformierten Herren schlugen Hohn und Hass entgegen. Sie verkörperten nur noch Hilflosigkeit und Realitätsferne des Regimes, dem seine Untertanen wieder einzufangen Ungarn nicht mehr helfen wollte.

"Ausreise in ein Land ihrer Wahl"

Bis heute sind die Akten der Stasi, die sich natürlich auch unter den Fluchtwilligen tummelte, ebenso wenig öffentlich zugänglich, wie die des ungarischen Geheimdienstes und des deutschen Bundesnachrichtendienstes, deren jeweilige Rolle bei dem Picknick undurchsichtig bleibt.

Klar aber ist, Budapest handelte konsequent: Obwohl die Reformer in den KP-Gremien noch längst nicht immer die Mehrheit hatten, beschlossen Partei und Regierung, die Grenze endgültig zu öffnen. Am 10. September erlaubte Ungarn "allen Deutschen die Ausreise in ein Land ihrer Wahl".

Nur einziger Flüchtling ist in den turbulenten Tagen von einem ungarischen Grenzer, der sich bedroht fühlte, erschossen worden. Das war dank Arpad Bella und vieler vernünftiger Funktionäre ein mehr als glimpflicher Verlauf dieses Dramas. So wurde die erste Bresche in die Mauer geschlagen.

© SZ vom 19.08.2009/liv
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