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Orlando:Zielscheibe willkommen

Über den Attentäter werden immer mehr widersprüchliche Details bekannt. Das interessiert im US-Wahlkampf allerdings nur bedingt. Die Morde werden instrumentalisiert.

Der Schütze von Orlando, Omar Mateen, erschien am Freitagabend noch zum Gebet, sagt Bedar Bakht. Der Pakistaner arbeitet als Koch in der Moschee von Fort Pierce, einer Stadt an Floridas Ostküste, das Islamische Zentrum liegt an einer Hauptstraße. "Ich kannte Omar schon als Kind, als er mit seinem Vater zu uns kam", sagt Bakht. Zuletzt sei Omar oft mit seinem dreijährigen Sohn zum Gebet erschienen. "Er war sehr ruhig, höflich und zurückgezogen - Omar war einer, der immer nur schwieg. Es war kein Zeichen von Radikalisierung zu erkennen." Am frühen Sonntagmorgen dann starben bei seinem Angriff auf den Schwulen-Club "Pulse" in Orlando 49 Menschen. Mateen war nicht der einzige Attentäter, der diese Moschee besuchte. Der Teenager Moner Mohammad Abusalha ging hier vor Jahren ebenfalls ein und aus, erinnert sich Bakht. Abusalha war 22 Jahre alt, als er 2014 in Syrien einen Lastwagen mit Sprengstoff in ein Restaurant fuhr und 37 Menschen tötete. Die beiden Attentäter kannten sich, Abusalha und Mateen, "so wie sich Teenager eben kennen", sagen Muslime aus Fort Pierce, die gerade die Moschee besuchen. "Aber das macht uns nicht zu einer radikalen Zelle, wie manche behaupten", sagt Bedar Bakht. "Wir sind nur eine kleine, friedfertige Gemeinde." Es sei "reiner Zufall", dass die beiden aus derselben Stadt stammten, sagt Wilfredo Ruiz, der Sprecher der Moschee. Mateen sei ein "verstörter junger Mann" gewesen, "er war psychisch krank, homophob - und leider bis an die Zähne bewaffnet".

Etwa 300 muslimische Familien leben in Fort Pierce. Mit der übrigen Bevölkerung gab es in der Vergangenheit kaum Probleme. Einmal, kurz nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001, habe jemand einen Stein ins Fenster geworfen. "Mal fiel vielleicht das eine oder andere Schimpfwort", sagt Bakht, der Koch. "Seit Sonntag aber herrscht hier blanke Wut."

"Muslims go home" und Schlimmeres rufen sie aus Autos, die an der Moschee vorbeifahren

Es vergehen keine fünf Minuten, ohne dass ein Auto vorbeifährt und hupt, manche strecken ihren Mittelfinger hoch, andere schreien "Muslims go home!" oder "Fuck Islam!" Der Imam Syed Rahman, ein Arzt, der in der Stadt von vielen geschätzt wird, erhielt am Telefon Morddrohungen. Noch seien viele Journalisten hier, sagt Bakht. "Was aber, wenn ihr alle weiterzieht?" Natürlich fühle er sich bedroht. "Aber das hält mich nicht davon ab, zum Gebet zu erscheinen." Nach dem Anschlag auf den Nachtclub braut sich in weiten Teilen Amerikas eine muslimfeindliche Stimmung zusammen. Zwar ist das Massaker, das Omar Mateen angerichtet hat, noch längst nicht aufgeklärt, und sein zentrales Motiv liegt noch im Ungefähren. Aber etliche weiße, christliche Amerikaner richten ihren Zorn offensichtlich schon jetzt gegen Muslime. Angefacht werden ihr Hass und ihre Vorurteile durch Donald Trump, den designierten republikanischen Kandidaten für die Präsidentschaft. Er verlangt massive Einreisebeschränkungen für Muslime, unterstellt Amerikas Muslimen allgemein Mitwisserschaft bei Terrorakten und wirft US-Präsident Barack Obama sogar vor, gemeinsame Sache mit den Islamisten zu machen.

Es besteht kein Zweifel daran, dass Mateen vom "Islamischen Staat" fasziniert war; in der Tatnacht bekannte er sich zu der Terrorgruppe. Die Bundespolizei FBI hat mehrmals gegen ihn ermittelt, zuerst 2013, nachdem er im Gespräch mit Kollegen den Wunsch geäußert hatte, als Märtyrer zu sterben. Mateen sagte den Ermittlern, die Kollegen hätten sich über seinen Glauben lustig gemacht, und er habe sie erschrecken wollen. Die Hinweise reichten jedenfalls nicht, um eine längerfristige Beobachtung zu rechtfertigen. Ein Jahr später wurde Mateen zu seiner Verbindung zum Selbstmordattentäter Abusalha befragt, den er aus der Moschee in Fort Pierce kannte. Der Kontakt, so stellte das FBI damals fest, soll aber nicht sehr eng gewesen sein.

Warum Mateen aber am Ende einen Club angriff, der als Treffpunkt für Homosexuelle bekannt war, ist unklar. War er schlicht ein labiler Mensch, wie es Weggefährten beschreiben, oder trieb ihn tatsächlich eine radikale Ideologie? War er ein Schwulenhasser, oder war er selbst schwul? Ein Zeuge berichtet, er habe Mateen über eine Dating-App für Schwule kennengelernt und ihn mehrmals im Pulse gesehen. Ein früherer Klassenkamerad erzählt, Mateen habe eine Beziehung mit ihm anfangen wollen. Mateen, der in den USA geborene Sohn afghanischer Einwanderer, lebte zuletzt offenbar mit einer Frau zusammen. Seine erste Ehe mit einer Frau scheiterte binnen weniger Monate, weil er sie misshandelte.

Donald Trump bezog am Montag in einem Interview auch US-Präsident Obama in seine muslimfeindlichen Tiraden ein. "Wir werden angeführt von einem Mann, der entweder nicht hart ist, oder nicht klug, oder der irgendwelche anderen Gedanken hat", sagte Trump. Dies wurde weitgehend als Unterstellung verstanden, der Präsident mache gemeinsame Sache mit Islamisten. Trump hat in der Vergangenheit oft infrage gestellt, ob Obama überhaupt Amerikaner sei, und er hat ihm über Twitter immer wieder vorgeworfen, der Muslimbruderschaft nahezustehen. Einmal schrieb Trump, Obama "liebt den radikalen Islam".

"Donald Trump hat das Klima in unserer Stadt vergiftet", sagen die Nachbarn

Der Präsident wiederum sah sich am Dienstag zu einem ungewöhnlichen Auftritt genötigt. Sichtlich verärgert trat er vor die Presse und holte zu einer Abrechnung mit Trump aus. Ohne den Republikaner beim Namen zu nennen, warf er Trump vor, er stelle Einwanderer an den Pranger und unterstelle einer ganzen Glaubensgemeinschaft, sie dulde Gewalt. "Wo hört das auf?", fragte der Präsident. Auch rügte er Trump und die Republikaner, weil sie ihm regelmäßig vorwerfen, er meide im Zusammenhang mit Terrorakten den Begriff "radikaler Islam". Trump hatte Obama deswegen am Sonntag zum Rücktritt aufgefordert. Obama weigert sich, vom "radikalen Islam" zu sprechen, weil es aus seiner Sicht sämtliche Muslime unter Generalverdacht stelle. Es liege kein Zauber im Begriff "radikaler Islam", sagte er, dies sei bloß eine Phrase, keine Strategie. Der Westen dürfe nicht den Eindruck erwecken, dass er Muslime hasse. Der Präsident nannte die Äußerungen Trumps gefährlich und stellte sie in eine Reihe mit den dunkelsten Augenblicken der US-Geschichte. Das Land habe in der Vergangenheit bereits aus Angst gehandelt und habe es anschließend bereut.

"Donald Trump hat das Klima in unserer Stadt vergiftet", sagen Jennifer und Michael Parsons, Nachbarn der Moschee in Fort Pierce. Ganz entspannt sitzen sie in ihren Liegestühlen, trinken Bier und schauen rüber zu den Muslimen auf der anderen Straßenseite, die gerade das Abendgebet beendet haben. "In nur einem Jahr ist es ihm gelungen, die Menschen gegen Muslime aufzuhetzen. Man muss sich nur vorstellen, wie er unser Land spaltet, sollte er dereinst im Weißen Haus sitzen."

Jeder Zweite in Fort Pierce sei heute offen muslimfeindlich, so schätzen sie, und zählen die hupenden und fluchenden Autofahrer, die an der Moschee vorbeirasen. Dabei sei Herr Rahman, der Imam, ein wunderbarer Mensch und guter Arzt, sagt Jennifer Parsons, die einst an Brustkrebs erkrankte. "Ohne ihn wäre ich nicht mehr am Leben." Als Donald Trump vor ein paar Monaten forderte, sämtlichen Muslimen die Einreise zu verbieten, habe ein Unbekannter ein lebendiges Schwein vor der Moschee ausgesetzt, erzählen die beiden. Der Imam habe es ihnen vorbeigebracht, weil er nicht gewusst habe, was er damit machen sollte. "Das Schwein lebt nun bei uns im Garten. Gemeinsam mit unseren Hunden und Katzen. Die sind so unterschiedlich, aber sie verstehen sich prächtig."