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Opposition in Syrien:Diffuse neue Opposition

Oppositionelle wie Naisa und Haidar mögen staatsnah sein. Aber auch sie repräsentierten einen Teil der syrischen Gesellschaft. Sie sehen das Land mit seinem nationalen Mix aus religiösen und ethnischen Minderheiten an der "Arabellion" zerbrechen. "Wir müssen den Staat erhalten, seine Institutionen schützen." Sie sagen blutige Konflikte zwischen den Volksgruppen voraus, denken an den libanesischen Bürgerkrieg. Die Oppositionellen fürchten um Syriens säkulare Tradition und um den Schutz der religiösen Minderheiten, wenn Islamisten das Sagen hätten. "Am Ende haben wir Verhältnisse wie in Irak oder in Afghanistan", sagt Haidar.

Für Politiker wie Haidar ist Präsident Assad "trotz seiner sinkenden Popularität" noch immer in der Lage, das Land zusammenzuhalten und Reformen umzusetzen. "Teile der Bevölkerung würden seinen Rücktritt gar nicht akzeptieren. Wenn er geht, unter dem Eindruck der Gewalt, kommt alles nur noch schlimmer."

Syrien hat jenseits der neuen Aufständischen auch eine alteingesessene Opposition: Namen wie Riad Seif, Haitham Maleh, Anwar al-Bunni oder Michel Kilo stehen seit Jahren in allen Menschenrechtsberichten. Diese Regimegegner wurden hart verfolgt, konnten aber dann auch immer wieder auftreten. Meist säkular ausgerichtet, kritisieren auch sie die Menschenrechtsverletzungen und die Brutalität des Regimes im Umgang mit der Rebellion.

Zum Aufstand selbst halten diese Oppositionellen aber Abstand: Die neue syrische Opposition ist ihnen zu diffus. In den umkämpften Städten spielen Islamisten unbestreitbar eine Rolle, wächst die Militanz: Eine kleine Zahl an Fahnenflüchtigen aus den Streitkräften hat sich zur "Freien Syrischen Armee" erklärt, kämpft gegen Assads Truppen. Und in Istanbul bemüht sich der Syrische Nationalrat (SNC) um internationale Anerkennung als Exilregierung. Bisher vergebens: Dem Gremium unter Vorsitz des Soziologen Burhan Ghalioun wird vorgeworfen, die syrische Gesellschaft nicht zu repräsentieren: Die ist in mehr als drei Dutzend Religionsgruppen und Ethnien zersplittert.

Vertreter aus dem Untergrund haben eine eigene Sicht. Für sie stehen die sozialen Ursachen der Revolte im Vordergrund. Da sind die hohe Geburtenzahl, die Arbeitslosenzahlen und Perspektivlosigkeit der jungen Generation, die Brutalität des Regimes im Umgang mit dem Protest. Daher würden an den Demonstrationen ebenso Angehörige der nicht-sunnitischen Minderheiten teilnehmen: Christen, Drusen, Ismailiten.

Auch Alawiten, also Angehörige der Volksgruppe der Assad-Familie, seien zu finden. Dass islamische Elemente eine Rolle spielen bei der Mobilisierung des Protests, bestreiten sie nicht: "Das ist nicht verwunderlich. Das Land hat eine islamische Kultur." Der Islam spiele aber nur seine traditionelle Rolle, keine politische. Diese Vertreter der Opposition bestreiten die Behauptung des Regimes, dass militante Islamisten aus dem Ausland den Kern des Widerstands gegen Assad bildeten: "Die Protestierenden sind Syrer."

© SZ vom 22.12.2011/beu
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