Opfer des Nationalsozialismus Aufruf zum Widerstand

Der Historiker Saul Friedländer nutzt seine Gedenkrede im Bundestag für den Appell, sich wachsendem Antisemitismus, Fremdenhass und dem "sich immer weiter verschärfendem Nationalismus" entgegenzustellen.

Von Jasmin Siebert, Berlin

Eindringliche Worte: Der Holocaust-Überlebende Saul Friedländer bei der Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus.

(Foto: Michael Kappeler/dpa)

"Es ist, als wäre man in einem großen Saal, in dem viele Menschen fröhlich sind und tanzen, während eine kleine Gruppe Menschen still in der Ecke sitzt. Ab und an holen sie aus diesem Grüppchen ein paar Leute, schleppen sie in ein Nebenzimmer und drücken ihnen die Kehle zu. Die anderen feiern gelassen weiter. Es berührt sie nicht. Vielleicht haben sie ja dadurch noch mehr Spaß." Diese Zeilen hat der sechzehnjährige Moshe Ze'ev Flinker im Januar 1943 in sein Tagebuch geschrieben.

Saul Friedländer liest sie am Donnerstagmorgen im Deutschen Bundestag vor. Der vielfach geehrte israelische Historiker und Holocaust-Überlebende war der Einladung gefolgt, bei der 24. Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus zu sprechen. Anlass ist die Erinnerung an den 27. Januar 1945, den Tag, an dem die Rote Armee die letzten noch lebenden Gefangen aus dem deutschen Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau befreite.

86 Jahre ist Friedländer alt, doch man merkt es dem stattlichen Mann mit dem schneeweißen Haar kaum an. Er wurde in Prag als Pavel Friedländer geboren, jetzt hält er seine Rede auf Deutsch, der Sprache seiner Kindheit, derer er sich "nur sehr selten bediene". Seine Hände zittern, als er sich an das Rednerpult setzt, doch er spricht klar und deutlich.

Als Forscher hat sich Friedländer mit jüdischer Geschichte und dem Holocaust auseinandergesetzt. Er hat Standardwerke zur Verfolgung und Vernichtung der Juden publiziert und dabei eine Methode entwickelt, die er "integrierte Geschichte" nennt: Nüchterne Akteneinträge wechseln sich mit Notizen gewöhnlicher Menschen ab. Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) betont in seiner Begrüßungsansprache, dass es eben gerade diese Emotionalisierung und die dadurch erwachsende "Empathie braucht, um mehr wissen zu wollen. Um zu verstehen".

Diesem Prinzip folgt Friedländer auch in seiner Gedenkrede: Er erwähnt Belzec, Sobibor, Treblinka und Auschwitz, er nennt die Zahlen der Ermordeten und listet Mordmethoden auf: "Abgase leistungsstarker Motoren", Zyklon B, Massenerschießungen. Diese abstrakten Fakten verknüpft er mit den Schicksalen Einzelner. Moshe Ze'ev Flinker, der niederländische Jugendliche mit dem Tagebuch, und seine Eltern "wurden am 7. April 1944 verhaftet und im Mai nach Auschwitz gebracht; er starb im Januar 1945 in Bergen-Belsen."

Israel sei für ihn noch immer "eine Heimat, ein Gefühl von Zugehörigkeit"

Es ist Bundestagspräsident Schäuble wichtig zu betonen, dass "jedes vierte Opfer des nationalsozialistischen Rassenwahns" ein Kind war. Mit eindringlichen Worten erinnert er an deren Leiden: Sie wurden brutal von den Eltern getrennt, sofort umgebracht oder für medizinische Experimente missbraucht. "Um die 1,5 Millionen Kinder! Sie hatten die geringsten Chancen zu entkommen", sagt Schäuble. Und doch gelang es Tausenden zu überleben - in Holzverschlägen, auf Dachböden, in Wäldern, in Kellern - oder unter falscher Identität wie das Kind Pavel Friedländer.

Als Friedländer von sich selbst erzählt, wird seine bis dato so feste Stimme brüchig: Er war sechs, als seine Eltern mit ihm nach Paris flohen und von dort weiter an wechselnde französische Orte. Er war noch keine zehn Jahre alt, als ihn seine Eltern im Sommer 1942 in ein katholisches Priesterseminar brachten, dort hieß er fortan Paul-Henri-Marie Ferland. Er riss aus und fand seine Eltern in einem Krankenhaus in Montluçon. "Was ging wohl in ihnen vor, als sie sahen, wie ihr kleiner Junge, der sich mit Händen und Füßen wehrte, weil er bei ihnen bleiben wollte, aus ihrem Zimmer entfernt wurde?", fragt Friedländer.

Es war das letzte Mal, dass er seine Eltern sah. Sie hielten es für ungefährlicher, alleine in die Schweiz zu fliehen. Ausgerechnet in dieser Woche habe es die Schweiz Familien mit kleinen Kindern erlaubt zu bleiben, erzählt Friedländer. Seine Eltern dagegen wurden an die französische Grenzpolizei ausgeliefert. "In jenen Tagen waren für Juden rationale Entscheidungen sinnlos", sagt Friedländer. Überlebt haben aus diesem Transport Nummer 40 nach Auschwitz nur vier Personen, Friedländers Vater wurde gleich vergast, seine Mutter starb nach monatelanger Sklavenarbeit.

Er selbst zog kurz nach Staatsgründung 1948 nach Israel. Er nannte sich Shaul, später Saul, und begann ein neues Leben. Israel sei für ihn noch immer "eine Heimat, ein Gefühl von Zugehörigkeit". Natürlich dürfe man Kritik an der heutigen Regierung üben, wie er es auch tue, doch das Existenzrecht des Staates zu verteidigen, sehe er als moralische Verpflichtung an.

Seine Rede beendet Friedländer mit Worten des Berliner Juristen Hans von Dohnanyi, der 13 Juden in die Schweiz schmuggelte und sich am Attentat auf Hitler beteiligte. Auf die Frage, warum er Widerstand geleistet habe, sagte Dohnanyi: "Es war einfach der zwangsläufige Gang eines anständigen Menschen." Kurz vor Kriegsende wurde er erhängt. Seine Worte dürfen als Aufforderung Saul Friedländers verstanden werden, sich auch heute dem wachsenden Antisemitismus, Fremdenhass und dem "sich immer weiter verschärfenden Nationalismus überall auf der Welt" entgegenzustellen.