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Olympia:Aufstand der Athleten

Ein mächtiges Signal: Wenn sich Athleten einig sind, ist vieles möglich, auch die Olympia-Verschiebung. Das dürfte eine Emanzipationsbewegung befeuern, die seit Jahren an Kraft gewinnt.

Mit der Sportpolitik verhält es sich oft wie mit dem echten Politikbetrieb: Es ist nicht nur das wichtig, was gesagt wird, sondern vor allem das, was nicht gesagt wird. Am vergangenen Sonntag erst verkündete das Internationale Olympische Komitee (IOC), dass man bald darüber richten werde, ob die Sommerspiele in diesem Juli in Tokio stattfinden könnten oder nicht. Thomas Bach, der deutsche IOC-Präsident, zählte dann noch alle Entscheidungsträger auf: die Organisatoren in Tokio, Japans Behörden, die 33 internationalen Fachverbände, deren Sportarten das olympische Sommer-Programm bilden, 206 nationale Olympia-Komitees, die die Athleten entsenden, TV-Sender, Sponsoren, weitere Partner und Zulieferer. Viel hätte nicht gefehlt, und Bach hätte auch noch die lokalen Pizzaboten erwähnt.

Nur ein Akteur wurde dabeu nicht explizit erwähnt, der zweifellos wichtigste: die Athleten.

Dabei hatten die Sportler die Entscheidung längst herbeigeführt, insgeheim. Die Restriktionen in Folge der Corona-Pandemie sorgten seit Wochen dafür, dass sie kaum trainieren konnten. Wettkämpfe fielen aus, das Anti-Doping-System kollabierte. Ein zeitnahes Olympia-Fest mit Tausenden Sportlern und Millionen Zuschauern: undenkbar. Immer mehr Athleten forderten öffentlich eine Vertagung; der Sport, ließen viele ausrichteten, habe hinter der globalen Notlage zurückzutreten. Der deutsche Fechter Max Hartung erklärte, er würde den Juli-Termin boykottieren, sollten das IOC und die Gastgeber stur daran festhalten. Die Frage war nur noch, wann die Entscheidungsträger sich dem Druck beugen würden.

Die Verlegung der Sommerspiele ins kommende Jahr, die am Dienstag beschlossen wurde, ist nicht nur eine Premiere - sie hat auch das Potenzial, die Statik des Weltsports nachhaltig zu verändern. Bach, der 2013 an die IOC-Spitze rückte, war immer eines wichtig: dass der organisierte Sport mit einer Stimme spricht. Wobei die Strukturen es Bach erleichtern, alle Akteure auf seine Linie einzuschwören. Viele Olympia-Komitees und Verbände könnten ohne Zuwendungen des IOC, die es mit den Spielen generiert, kaum überleben. Nicht wenige Athletensprecher, die in den Verbandsgremien sitzen, werden von Funktionären ausgesucht, gefördert und stützen im Zweifel das, was die Leitung vorgibt. Wozu das führen kann, sah man selten so klar wie in den vergangenen Wochen: Das IOC richtete inmitten der Pandemie noch Qualifikationsturniere aus und drängte Sportler dazu, sich für diesen Sommer fitzuhalten. Erst als die Athleten sich immer heftiger wehrten, lenkte die Führung ein.

Es ist ein mächtiges Signal: Wenn sich Athleten einig sind, ist vieles möglich. Das dürfte auch einer Emanzipationsbewegung Auftrieb geben, die schon seit Jahren an Kraft gewinnt. Die deutsche Athletenvertretung arbeitet seit 2017 unabhängig von ihrem nationalen Olympia-Verband, weltweit finden sich immer mehr Nachahmer - auch wenn das IOC diese unabhängigen Kontrollinstanzen noch nicht wirklich anerkennt. Nur: Wer sich nicht ändert, der wird verändert. Vor Kurzem forcierten die deutschen Athletensprecher eine Kartellklage; sie dürfen seitdem bei Olympia mit eigenen Sponsoren werben, das war bislang den IOC-Partnern vorbehalten. "Die Sportler", sagte die SPD-Politikerin Dagmar Freitag zuletzt treffend, "holen sich ihre Spiele zurück".

Und vielleicht ja nach und nach auch bald den gesamten Sport.

© SZ vom 26.03.2020

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