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Oktoberfestattentat:Ein Zeichen nach 40 Jahren

Ein schwer verletzter Junge bekam nicht mal einen Rollstuhl: Erst jetzt, nach dem späten Abschluss der Ermittlungen, könnten die Opfer des Anschlags endlich entschädigt werden.

Von Annette Ramelsberger

Die Opfer des Oktoberfestanschlags von 1980 haben vier Jahrzehnte des Kämpfens hinter sich: erst ums Überleben, dann ums Weiterleben - aber auch einen Kampf gegen die Versorgungsämter, die ihre Bitten nach Rollstühlen, Spezialschuhen oder Kuren immer wieder abgelehnt haben. Viele von ihnen mussten sich anhören, sie wären Simulanten.

Bis heute verwehrt ihnen auch das Bundesamt für Justiz eine Entschädigung aus dem Fonds der Bundesregierung für Terror- und Extremismusopfer. Das Amt hatte auf Briefe von Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) erklärt, man müsse erst die Ermittlungen der Bundesanwaltschaft abwarten. Nun sind diese Ermittlungen abgeschlossen, und die Bundesanwaltschaft hat den Anschlag eindeutig als rechtsextremistisch motivierten Terror eingeordnet.

Nach dem Ende der Ermittlungen wird nun Geld aus dem Extremismusfonds gefordert

Nun will OB Reiter erneut bei der Justizministerin vorstellig werden, um eine finanzielle Zuwendung für die Opfer zu erhalten: "Denn auch wenn dadurch der Schmerz und der Verlust geliebter Menschen nicht gelindert werden kann, wäre dies ein wichtiges Zeichen der Solidarität und Anerkennung", sagt er.

Der Extremismusfonds sieht Entschädigungen nur für Menschen vor, die später als 1990 Opfer von extremistischen Taten wurden. Für Taten davor gibt es lediglich Geld bei "besonders schweren Vorkommnissen". Der Oktoberfestanschlag wurde am 26. September 1980 verübt. "Ich frage mich, wann das gelten soll, wenn nicht beim schwersten rechtsextremistischen Anschlag in der Geschichte der Bundesrepublik?", fragt Miriam Heigl, die sich bei der Stadt München seit Jahren um Opfer von rechter Gewalt kümmert. Bei dem Anschlag wurden 13 Menschen getötet und 211 verletzt.

Einer der damals Verletzten ist Robert Höckmayr, 51. Er war als Zwölfjähriger mit seiner Familie auf dem Fest, vor seinen Augen starben zwei seiner Geschwister. Er selbst wurde schwer verletzt, lag acht Wochen im Krankenhaus und fast ein Jahr im Streckverband. Aber die Familie bekam noch nicht einmal einen Rollstuhl für den Sohn. "Wir waren völlig auf uns allein gestellt", sagt Höckmayr heute. Vor vier Jahren hat er einen Antrag auf Entschädigung beim Bundesamt für Justiz gestellt. "Ich habe nie wieder was davon gehört."

Nun wird von allen Seiten gefordert, endlich die Opfer finanziell zu unterstützen. Der Opferanwalt Werner Dietrich regt einen Fonds an, in den die Stadt München, der Freistaat, der Bund und die Wiesnwirte einzahlen sollen. Aus ihm sollen die Verletzten Beträge erhalten, die sich nach der Schwere ihrer Verletzungen richten.

Der Rechtsextremismusexperte der SPD im Landtag, Florian Ritter, sagt: "Die Opfer leiden nach wie vor seelisch unter dem schrecklichen Ereignis." Dass die Tat ein rechtsextremer Terrorakt war, habe die Bundesanwaltschaft nun offiziell bestätigt. Frühere Staatsregierungen hätten das immer bestritten. Die bayerische Staatsregierung "täte also gut daran, jetzt ein Zeichen zu setzen". Auch die Fraktionsvorsitzende der Grünen, Katharina Schulze, sieht Handlungsbedarf: "Die Söder-Regierung muss endlich ihrer historischen und moralischen Verantwortung gerecht werden." Für die Opfer müsse ein eigener Entschädigungsfonds errichtet werden.

© SZ vom 09.07.2020
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