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Oktoberfest:Rausch und Vernunft

Die unumgängliche Absage der Wiesn ist ein Symbol dafür, dass es noch eine ganze Weile dauern wird, bis wieder Normalität einkehren kann und wird.

Was ist das Oktoberfest? Ein bayerisches Massenbesäufnis für sechs Millionen Feierwütige, wie viele Kritiker finden? Eine "Gaudi für die ganze Familie", wie nicht nur der Schaustellerverband meint? Oder "das bedeutendste und wichtigste Fest der Welt", wie der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) am Dienstag sagte? Auf alle Fälle scheint es mehr zu sein als ein riesengroßes Volksfest, den Reaktionen und Emotionen nach zu urteilen, die ausgelöst wurden durch die Absage dieser Großveranstaltung durch Markus Söder und den Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD). Die Spannbreite reichte von vollstem Verständnis bis hin zu abgrundtiefer Enttäuschung.

Das Münchner Oktoberfest ist halt doch, nicht nur in Zeiten der Corona-Krise, mehr als die Summe seiner Klischees. Gerade jetzt aber ist es zum Symbol geworden für den Umgang mit der Pandemie. Die Absage dieser Großveranstaltung am Dienstagmorgen hat eigentlich niemanden mehr überrascht. Es handelte sich schlichtweg um ein Gebot der Vernunft.

Denn wie hätte das gehen sollen? Die üblichen sechs Millionen Besucher aus aller Welt, an 16 Tagen zusammengepfercht auf ein paar Hektar Fläche, in gut gefüllten Bierzelten und, vorsichtig ausgedrückt, recht gelöster Stimmung? Das alles noch im Herbst, wenn die Temperaturen abends schnell fallen und die Erkältungsgefahr sowieso ansteigt. Das Oktoberfest wäre dann nicht nur Ischgl und Heinsberg im Quadrat, es wäre sogar Ischgl und Heinsberg hoch drei oder hoch vier, und das über zwei Wochen hinweg. Sieht man sich an, was ein einziges Champions-League-Fußballspiel in Bergamo ausgelöst hat, dann muss man wirklich nicht mehr lange darüber nachdenken, ob die Entscheidung richtig ist, auf einige feuchtfröhliche Abende im Bierzelt zu verzichten. So etwas wird erst wieder möglich sein, wenn es verlässliche Heilmittel und einen zuverlässigen Impfstoff gegen Covid-19 gibt. Denn auch die etwaige Herdenimmunität wird wohl kaum in ein paar Monaten erreicht sein.

Aber auch wenn man die Absage rundherum richtig findet: Erschreckend ist sie dennoch. Sie führt einem schließlich deutlich vor Augen, dass es noch lange dauern wird, bis wieder Normalität einkehren kann und das gesellschaftliche Leben wieder so aussieht wie vor Corona. Hier handelt es sich eben nicht um eine kurze Episode, nach der alles wieder gut ist, wie bei einem Kater nach einem langen Wiesnausflug. Das wird vielen erst langsam und schmerzhaft bewusst. Während die einen noch immer glauben, am 4. Mai werde fast alles wieder so sein wie noch vor wenigen Wochen, ahnen die anderen, dass der Begriff "Lockerung" ein sehr dehnbarer ist. Diese Absage zeigt auch: Hier geht es darum, dass aller Voraussicht nach auch in fünf Monaten noch eine gewisse Art von Ausnahmezustand herrschen wird, nicht nur beim Feiern. Hier ist das Oktoberfest nur ein Symbol für die wirtschaftlichen Auswirkungen der Krise, aber auch für das Lebensgefühl der Menschen, so steht zu befürchten. Überschäumende Lebensfreude in all ihren schönen und weniger hübschen Ausprägungen steht nicht nur momentan weniger auf der Agenda. Zurückhaltung und Abstandhalten werden noch länger ein Thema bleiben.

Wirtschaftlich gesehen ist die Absage der Wiesn für München ein empfindlicher Schlag, und dabei geht es nicht nur um die Einnahmen von einigen Wiesnwirten oder Schaustellern mit großen Fahrgeschäften. Rund um das größte Volksfest der Welt wird schließlich jedes Jahr ein Umsatz von mehr als 1,2 Milliarden Euro erwirtschaftet. Das ist selbst für eine reiche Kommune wie München viel Geld, das sich nicht anderweitig verdienen oder sich irgendwann wieder reinholen lässt. Das ist ein Problem, das viele Branchen trifft, die ihr Geschäft damit machen, dass Menschen an einem Ort zusammenkommen. Und je länger der Kontakt verboten bleibt oder erschwert wird, desto schlechter geht es diesen Branchen. Gastronomie und Hotellerie befürchten mit Recht: Corona wird zu einer bisher nicht gekannten Pleitewelle führen. Die Senkung des Mehrwertsteuersatzes für Restaurants mag da in Zukunft schon hilfreich sein, solange die Zwangsschließungen allerdings andauern, sind auch sieben statt 19 Prozent von nichts nach wie vor: nichts.

Es wird wohl noch andere Hilfen brauchen - und die Erkenntnis, dass ein Bierzelt etwas anderes ist als ein Fine-Dining-Restaurant, in dem Abstandhalten sowieso zur Etikette gehört und spontane Verbrüderungsszenen von Wildfremden eher selten stattfinden. Das gilt sicher nicht nur für diese Branche, sie ist nur ein Beispiel, sondern auch für andere. Und vielleicht ist es auch gar nicht so schlimm, wenn man sich klarmacht, dass diese Krise noch länger andauern könnte, dass sie an den wenigsten spurlos vorbeigehen wird und dass das Leben nach Corona ein anderes sein dürfte. Es muss ja auch nicht zwangsläufig ein schlechteres sein.

© SZ vom 22.04.2020

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