Österreich:Ein bisschen cringe

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Österreich: "Wir als Volkspartei": So lautet einer der Stehsätze von ÖVP-Generalsekretärin Laura Sachslehner.

"Wir als Volkspartei": So lautet einer der Stehsätze von ÖVP-Generalsekretärin Laura Sachslehner.

(Foto: Georges Schneider/IMAGO/photonews.at)

ÖVP-Generalsekretärin Laura Sachslehner macht es unserer Kolumnistin nicht leicht, mal nicht an Innenpolitik zu denken. Wofür die 27-Jährige sogar bei Parteifreunden "Fremdscham" auslöst.

Von Cathrin Kahlweit

Nun ist der Parteitag der ÖVP glücklich vorbei, Karl Nehammer ist mit stolzem Ergebnis zum Parteichef gewählt, der Abgang von Sebastian Kurz ausreichend gewürdigt - da könnte man sich ja endlich mal anderen, wichtigen Fragen zuwenden.

Am 28. Mai findet zum Beispiel der Landesparteitag der SPÖ in Wien statt, Bürgermeister Michael Ludwig wird daraufsetzen, anders als Nehammer nicht mit 100 Prozent (wieder)gewählt zu werden, weil das peinlich wäre. Die Partei wird ein wenig über Betontrassen durch die Natur am Beispiel der Lobau diskutieren, sie wird die geplante Großdemonstration gegen die Stadtautobahn mit Grandezza ignorieren, dann wird endlich sommerliche Zufriedenheit einkehren im Land. Nehammer ist unangefochten Kanzler und Parteichef, Ludwig wird, ebenso unangefochten, Bürgermeister der lebenswertesten Stadt der Welt und Parteichef bleiben. Wie Ex-Bürgermeister Michael Häupl an dieser Stelle zu rufen pflegte: Man bringe den Spritzwein.

Aber leider gibt es da noch etwas, das zu besprechen wäre: Laura Sachslehner. Nicht-Österreicher werden jetzt fragen: Wer bitte? Und Österreicher werden sagen: Muss das sein? Es muss. Sachslehner stammt aus der Kaderschmiede der Kurz-Riege und aus der Jungen ÖVP, und Nehammer machte sie, als er Kanzler wurde, zur ÖVP-Generalsekretärin. Sachslehner wird just zum Termin des Wiener SPÖ-Parteitags 28 Jahre alt; sie ist also eine junge, erfolgreiche und selbstbewusste Frau. Ihre Fans bezeichnen Kritik an ihr als sexistisch.

Harte Schule der Parteirhetoriker

Nur, was soll man sagen: Sie macht es einem nicht leicht, mal an etwas anderes zu denken als an österreichische Innenpolitik. Sachslehner hat die harte Schule der Parteirhetorik durchlaufen, in der man lernt: stay on the message. Beantworte nie Fragen, bleib bei deinen Stehsätzen. Sag immer: "Wir als Volkspartei." Neuerdings tritt sie häufiger im Fernsehen auf. Nach dem ÖVP-Parteitag berichtete sie von den schönen, früheren Erfolgen der Partei unter Ex-Kanzler Sebastian Kurz, kein Wort des Zweifels kam ihr über die Lippen, es war ein bisschen cringe.

An diesem Dienstag war sie wieder im ORF zu Gast und sprach über einen Vorstoß der Arbeiterkammer. Diese schlägt, wie die SPÖ, vor, den Erwerb der Staatsbürgerschaft zu erleichtern - etwa durch kürzere Fristen. Sachslehner kritisiert das als "Entwertung" und als "Pull-Faktor". In Österreich liegen die Hürden im EU-Vergleich besonders hoch. Im Interview wiederholte sie mantrahaft, die Staatsbürgerschaft sei ein hohes Gut. Auf Fragen ging sie nicht konkret ein. Es war wieder ein bisschen cringe, aber ein Hit auf Youtube und in der Mediathek. Sogar aus der ÖVP hörte man vereinzelt das Wort "fremdschämen".

Einen Tag später verkündete die SPÖ Wien demonstrativ, sie habe gerade 348 Menschen die Staatsbürgerschaft verliehen; die Wiener Melange sei nicht nur ein Kaffee, sondern stehe auch für Buntheit und Diversität. In der Hauptstadt dürfen mehr als ein Drittel der Einwohner nicht wählen, weil sie keine Staatsbürger sind. Ich als Nicht-Generalsekretärin würde dazu sagen: Das entwertet die Demokratie.

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