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Österreich:An der Grenze

Weil die Preise in der slowakischen Hauptstadt Bratislava steigen, stoßen in der Kleinstadt Kittsee nun Landbewohner auf Großstädter. Das gefällt nicht allen.

Achtung! Staatsgrenze: Am meisten trennt Österreicher und Slowaken wohl die Sprache, ansonsten ist von der Grenze nicht mehr viel zu spüren. Beide EU-Länder sind im Schengen-Raum.

(Foto: Tobias Zick)

Wenn der Ort, der lange am Ende der Welt lag, nun mittendrin ist im vereinten Europa, muss man sprachlich halt improvisieren. "It is too small", sagt die Erzieherin zu dem Vater, der seine Tochter in den Kindergartens bringt, der USB-Stick hat zu wenig Speicher für die Fotos der Kinder; der Vater nickt und steckt ihn wieder ein. Er spricht kein Deutsch, die Erzieherin kein Slowakisch, aber das Nötigste bekommen sie auf Englisch hin, wenn es gut läuft. Was es nicht jeden Tag tut.

It is too small: Was für den USB-Stick gilt, lässt sich von der ganzen Einrichtung sagen, dabei ist das Gebäude keine fünf Jahre alt. Helles Holz, hohe Gänge, weitläufiger Garten; reichlich Platz für Frosch-, Käfer, Regenbogen- und vier weitere Gruppen. 200 Kindergartenkinder werden täglich gebracht, dazu 15 Krippenkinder. "Wir sind natürlich voll", sagt Leiterin Christine Schmid. Man könnte, hätte man mehr Platz und Personal, noch mehr Kinder aufnehmen; die normalen Herausforderungen eines Großstadtkindergartens, allerdings: Dies ist keine Großstadt, dies ist Kittsee, Burgenland, Österreich, 3300 Einwohner. Der letzte Ort vor der Grenze zur Slowakei, bis vor 30 Jahren Endstation vorm Eisernen Vorhang. Sogar die Krähen machen hier kehrt, sagten die Leute. "Ich hätte nie gedacht, das ich mal unter solchen Bedingungen arbeiten würde wie heute", sagt Schmid. Sie ist seit 1983 beim Kindergarten Kittsee, damals hatte sie drei Kolleginnen, heute 23. "Ja, man kann schon sagen, dass wir jetzt in der Anonymität einer Großstadt arbeiten", sagt sie. "Das ist für uns Ältere nicht ganz einfach."

Kittsee liegt nicht nur an einer europäischen Staatengrenze, die nun eine offene Schengen-Grenze ist. Der Ort liegt zehn Autominuten von der Hauptstadt des Nachbarlandes Slowakei entfernt. Bratislava, Pressburg, eine halbe Million Einwohner, von internationalen Konzernen und Investoren als Boomtown gefeiert. Mietwohnungen sind knapp, seit die Regierung die sozialistischen Bestände versilberte. Die Preise nähern sich Münchner Niveau, 750 Euro für 60 Quadratmeter gelten als normal. Und normal sind auch Gehälter um die 1000 Euro. Da stellt sich die Frage, wo man sonst noch wohnen könnte.

Dass eine Antwort westlich des alten Eisernen Vorhangs liegt, in der "größten Marillengemeinde Österreichs", sprach sich vor gut zehn Jahren herum. Kittsee hat nicht nur 35 000 Obstbäume, sondern auch viel Platz. In den Achtzigerjahren wurde Agrar- in Bauland umgewidmet, doch die Nachfrage hielt sich in Grenzen. Wien ist mit Auto oder Zug eine knappe Stunde entfernt, fürs Pendeln einen Tick zu weit, zudem hat Wien nicht das Wohnungsproblem anderer europäischer Großstädte.

40 Prozent der Einwohner von Kittsee sind heute Slowaken

Die Nachfrage kam aus der anderen Richtung. Von den 3300 Einwohnern sind heute rund 42 Prozent "Neu-Kittseer", wie der Bürgermeister zu sagen pflegt, die meisten pendeln nach Bratislava. 76 Prozent der Kinder im Kindergarten haben Slowakisch als Muttersprache, die Erzieherinnen haben sich den Wortschatz für die gängigsten Herausforderungen beigebracht. Musst du Pipi, hast du Hunger, Mama kommt gleich. Als es noch weniger slowakische Kinder waren, sagt Christine Schmid, hätten die meisten fast von selbst Deutsch gelernt. "Aber jetzt fehlt der Anreiz, weil sie ja mit Slowakisch so gut zurechtkommen." Was wiederum manchen Eltern aufstoße, die wollten, dass ihre Kinder hier Deutsch lernen. "Neulich fragte mich eine slowakische Mutter: Warum sind hier so viele Slowaken?", erzählt Schmid. "Da habe ich ihr geantwortet: Na ja, Sie sind ja auch da."

Der Grenzübergang, gleich hinter den Bahnschienen, ist an diesem Tag eher symbolisch besetzt von zwei Männern mit orangenen Westen über der olivgrünen Uniform. Einer starrt mit einem Fernglas in die Autos hinein, die ins Land rollen. Josef Leban, Gastwirt aus Kittsee, 43, radelt an ihnen vorbei, auf dem früheren Patrouillenweg der slowakischen Grenzer. "Das ist doch cool", sagt er, "ich radle 15 Minuten und bin in einer europäischen Hauptstadt." Nach der nächsten Biegung taucht die Skyline auf, die für ihn als Junge eine Verheißung war. Da stand er oft und staunte die Lichter der Großstadt an, acht-, zehnstöckige Häuser, hinter der entfernt tosenden Autobahn. Radelt man weiter, erhebt sich die Pressburg über der Donau, das Wahrzeichen Bratislavas.

Für Leban ist seit je klar, dass die Phase des Eisernen Vorhangs nur ein Wimpernschlag der Geschichte war. Das Burgenland gehörte einst zu Ungarn, sein Großvater ist Kroate, Kittsee war immer ein Ort, wo das Konzept nationalstaatlicher Grenzen eher abstrakt ist. "Ich freue mich jedes Mal, wenn meine Kinder drüben in Bratislava beim Eishockeyturnier ein Tor schießen", sagt er, "und dann mit den anderen auf Slowakisch jubeln und ich kein Wort verstehe. Das ist für mich Europa."

Lebans ließen ihre Kinder Slowakisch lernen. Das gab Gerede im Dorf

Josef Leban und seine Frau haben ihre Kinder in Bratislava in den Kindergarten geschickt, damit sie Slowakisch lernen. Das gab Gerede im Dorf, bis heute. Einige frühere Stammgäste kommen nicht mehr, manchmal erzählt ihm jemand, was andere gesagt haben sollen: "Dass ich offenbar nur noch auf die Slowaken abfahren würde." Weil er die Speisekarte zweisprachig aushängt. Weil er einmal im Monat einen "offenen Tisch" für Alt- und Neukittseer veranstaltet. "Viele kleine Missverständnisse hier rühren ja nicht daher, dass zwei Nationalitäten aufeinandertreffen. Sondern Landbewohner und Großstädter."

Kittsee, bald ein Vorort Bratislavas? Das sieht der Bürgermeister anders. Johannes Hornek, 53 Jahre, ÖVP, gelernter Elektriker und Landwirt, fährt im offenen Landrover vor. Er steuert den Geländewagen auf einen Feldweg nah der Grenze, vorbei an Mais- und Sojafeldern, "alles bio", sagt er, und dann: "Da ist eine!" Gerade noch in Sichtweite hebt ein Vogel ab, mit schwerfälligen Flügelschlägen. Eine Großtrappe, der größte flugfähige Vogel der Welt. Die Trappen hätten sich hier reichlich vermehrt, sagt Hornek, seit die meisten Landwirte auf Bio umgestellt haben, wie er, schon vor 25 Jahren: "Da sieht man doch, wie die Natur sich entwickeln kann, wenn man ihr ein bisserl Platz lässt."

Lieber langsam und langfristig wirtschaften: Nach diesem Prinzip fing er an, Kittsee zu regieren, als er vor zwei Jahren gewählt wurde. Die Stimmung war angespannt, viele fragten, was sie davon hätten, wenn so viel Geld in Kindergarten und Schule fließt, die vor allem Kinder von Zuzüglern besuchen. "Es ging einfach alles zu schnell", sagt Hornek, "mir haben selbst Neu-Kittseer gesagt: Herr Bürgermeister, es ist genug." Die Leute hatten sich fürs Landleben entschieden, weil ihnen Bratislava ihnen zu stressig wurde.

Der Bürgermeister versucht, das Wachstum zu begrenzen

"Inzwischen ist die Stimmung besser", sagt er. "Die Leute sehen jetzt, dass für jeden etwas gemacht wird." Er hält an einem Drahtzaun vor einem Baggersee, am Ufer gegenüber drängen sich strahlend weiße, sehr eckige Reihenhäuser. "Nicht eben ein Lieblingsprojekt von mir", sagt er, aber jetzt müssen wir damit leben."

Auf der unbebauten Seite des Weihers hat die Gemeinde einen Badestrand eingerichtet, der leicht verwilderte Schlosspark wird aufgehübscht, auf dem Hauptplatz wachsen neue Bäume: "Kleine Verschönerungen, von denen alle Kittseer etwas haben", sagt Hornek. Die Wohnungsgenossenschaften hat er überzeugt, nicht mehr ganz so schnell neue Blöcke hochzuziehen, privaten Bauherren genehmigt man nur noch Einzel- und Doppelhäuser. Kittsee werde weiterwachsen, sagt Hornek, "aber nicht mehr so arg. Wir könnten in zehn Jahren soweit sein, dass wir 10 000 Einwohner haben. Ich bin eher dafür, dass wir dann 5000 Einwohner haben und unsere ländlichen Strukturen behalten mit geordnetem Wachstum."

Ja, die Stimmung habe sich in den letzten zwei Jahren etwas entspannt, bestätigt Adriana Pataková, gelernte Berufsschullehrerin. Sie steht im Garten hinter ihrem Haus, Trampolin, Rutsche, ein Marillenbaum, ein Golden Retriever hüpft um die drei Kinder herum. Die Pataks waren unter den ersten, die aus der Slowakei nach Kittsee kamen, 2004. Das Haus kostete 150 000 Euro, für eine Dreizimmerwohnung in Bratislava hätten sie 220 000 bezahlt. "Und hier haben sich die Nachbarn gefreut: Endlich wohnt wieder jemand in dem Haus. Vieles stand seit langem leer."

Sie habe aber auch Krisen gehabt. Immer mehr Leute fragten: Warum ziehen so viele Slowaken hierher? Warum sind im neuen Einkaufszentrum sogar die Durchsagen auf Slowakisch? "Ich war es leid, immer Ansprechpartnerin für solche Fragen zu sein", sagt Pataková. "Wir hatten eine Zeit das Gefühl, wir müssten uns ständig rechtfertigen." Sie überlegten, wegzuziehen. Aber wohin? "Nach Bratislava wollten wir nicht, nach Wien auch nicht." Und schließlich sind die Kinder hier aufgewachsen, es ist ihre Heimat. "Ich kann die Leute ja verstehen, die sich nach der alten, ruhigeren Zeit sehnen", sagt Adriana Pataková. "Aber die wird nicht wiederkommen."

© SZ vom 07.09.2019
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