Ökonomie Im Würgegriff der Finanzindustrie

Michael Hudson: Der Sektor. Warum die globale Finanzwirtschaft uns zerstört. Aus dem Amerikanischen von Dorothee Merkel und Thorsten Schmidt. Klett-Cotta, Stuttgart 2016, 670 Seiten, 26,95 Euro. E-Book: 21,99 Euro.

Michael Hudson sieht schon die nächste Wirtschaftskrise kommen. Aber sein Buch ist mehr Polemik als Diagnose.

Von Steffen Vogel

Auf seiner Abschiedstour in Europa überbrachte Barack Obama auch eine Botschaft an die Regierungen der Euro-Zone. Griechenland, so der scheidende US-Präsident, brauche eine Schuldenerleichterung, um wirtschaftlich auf die Beine zu kommen. Finanzminister Wolfgang Schäuble wies den Vorstoß umgehend zurück. Wenn es um die Verbindlichkeiten Athens geht, liegen Washington und Berlin, bei aller Nähe zwischen Obama und Angela Merkel, seit Jahren über Kreuz.

Schuldenfragen sind Machtfragen, lautet passend dazu die zentrale These von "Der Sektor", dem neuen Buch von Michael Hudson. Und wer, wenn nicht dieser Autor wäre besser geeignet, unkonventionelle Antworten zu geben? Hudson arbeitet nicht nur als Akademiker und Politikberater, sondern ist seit Jahrzehnten an der Wall Street tätig. Aber er erzählt auch stolz, dass sein Patenonkel niemand geringerer war als der russische Revolutionär Leo Trotzki. Die Financial Times rechnet ihn überdies zu jenen acht Ökonomen, die die Krise von 2008 vorausgesehen haben.

Freie Märkte findet der Autor gut, wenn sie frei sind von "unverdientem Einkommen"

In seinem Buch kündigt Hudson gleich die nächste Krise an: Das Beben von 2008 sei nicht der dramatische Endpunkt einer Fehlentwicklung gewesen, sondern auf den Finanzmärkten braue sich weiteres Unheil zusammen. Hudson sieht folgendes Problem: Banken investieren immer weniger in Industrie oder Forschung und vergeben stattdessen Immobilienkredite oder Darlehen an Rohstoffhändler. Damit wächst die private Verschuldung, und die Kreditnehmer führen einen steigenden Anteil ihrer Einkünfte an die Gläubiger ab. Folglich bleibt ihnen weniger Spielraum für Konsum und Investitionen.

Dieser Trend führe aber unweigerlich zum "Zusammenbruch des Finanzsystems". Hudsons Beispiel: Die private und öffentliche Verschuldung in einem Land ist so groß wie das Bruttoinlandsprodukt, und die Schuldzinsen liegen bei fünf Prozent. In diesem Fall bräuchte es allein zur Bezahlung der Zinsen ein jährliches Wachstum von fünf Prozent. Aber da solche Wachstumsraten selten sind, zehrt der Schuldendienst an der wirtschaftlichen Substanz. Das gilt vor allem, wenn die Regierung dann auf einen Austeritätskurs setzt. Denn dann sinkt der Binnenkonsum, während die Arbeitslosigkeit steigt. Wirtschaft und Staat nehmen weniger ein, das Land rutscht in eine Schuldendeflation. Am Ende stehen Verarmung und Verfall.

Hudson plädiert für den Erlass aller Schulden, "die die Zahlungsfähigkeit einer Volkswirtschaft übersteigen". Alles andere widerspreche der ökonomischen Vernunft. Der Autor vergleicht den Vorrang des Schuldendienstes vor der Stärkung der heimischen Wirtschaft mit der mittelalterlichen Praxis des Aderlasses: Beide schwächen den Patienten und können daher nicht funktionieren. Wenn trotzdem immer wieder auf der Rückzahlung der Verbindlichkeiten bestanden wird, sei das ein Ausdruck "mächtiger Sonderinteressen" - auch weil der so entstehende Privatisierungsdruck gute Geschäfte für Investoren und Spekulanten bedeutet. Wer Ansprüche des Finanzsektors privilegiere, schütze damit Eigentumsforderungen der Superreichen gegen den verschuldeten Rest.

Woraus aber resultiert dieser Bedeutungszuwachs der Finanzindustrie? Autoren wie Wolfgang Streeck begreifen ihn als Reaktion auf eine strukturelle Schwäche des Kapitalismus seit Mitte der 1970er-Jahre. Eine Überproduktionskrise in der Industrie habe eine Flucht der Vermögensbesitzer in die Finanzmärkte ausgelöst, wo es profitablere Anlagemöglichkeiten gab. Viele Regierungen beförderten das, um so neues Wachstum zu stimulieren. Für Hudson hingegen steht dahinter ein Plan der Finanzlobbyisten, um "leistungsloses Einkommen" und vererbte Privilegien zu schützen. Dabei werde die Politik mithilfe von Großspenden gefügig gemacht. Dies gehe zulasten all jener Wirtschaftszweige, die reale Werte schaffen. Daher, so Hudson, verhalte sich der Finanzsektor wie ein "Parasit", der die übrige Ökonomie aussauge. Diese historisch unsensible Begrifflichkeit ist nicht nur ein Ärgernis, sondern verweist auch auf eine analytische Schwäche: So richtig Hudsons Kritik an Vermögens- und Machtkonzentration ist, kann er ihre Ursachen nicht zutreffend erklären, da er an entscheidenden Stellen nicht strukturell argumentiert.

Die Tendenz zur sprachlichen Übersteigerung findet sich auch an anderer Stelle, etwa wenn Hudson die westlichen Gesellschaften auf dem Weg in die Gläubiger-Oligarchie sieht. Immerhin musste sich Hillary Clinton, die enge Beziehungen zur Wall Street pflegt, bei den demokratischen Vorwahlen eines überraschend starken Bernie Sanders erwehren, dessen Kampagne auf Kleinspenden gründete. Hudsons Buch liest sich daher stellenweise weniger wie eine trennscharfe Diagnose denn wie eine leidenschaftliche Warnung.

Im Kern geht es Hudson um mehr sozialen Ausgleich. So erhebt er keine Einwände gegen freie Märkte, solange diese frei sind von "unverdientem Einkommen", Immobilienspekulation und Monopolen. Daher sollen Finanzgeschäfte stärker reguliert und parallel dazu die Industrie gefördert werden. Sein Ideal sind die USA des New Deal, als Banken öffentliche Investitionen finanzierten. Steigende Produktivität solle, so Hudson, nicht nur den oberen Zehntausend zugutekommen, sondern den allgemeinen Lebensstandard heben.

Hudsons Warnung vor der zerstörerischen Dynamik immer weiterer Verschuldung ist verdienstvoll. Sie wäre aber überzeugender, wenn er nicht immer wieder polemisch das Feindbild Finanzhai bedienen würde.

Steffen Vogel ist Sozialwissenschaftler und Redakteur der "Blätter für deutsche und internationale Politik" in Berlin.