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Odessa vor der Präsidentschaftswahl:"Odessa ist eine freie Stadt"

Stattdessen berichtet Valentina nun weniger schöne Dinge über Odessa: "Die Basis dafür, was hier passiert ist, ist doch schon lange gelegt." Sie erzählt, wie in den 90er Jahren Arbeitsplätze verloren gingen, Ärzte und Wissenschaftler anfingen, Klamotten und Nahrungsmittel auf dem Schwarzmarkt zu verticken. Sie erzählt, wie in ihrem Hochhaus jeden Tag für einige Stunden der Strom abgestellt wurde, sodass sie nach der Arbeit länger in der Stadt blieb, um sicher zu gehen, dass Aufzug und Licht wieder funktionieren, bis sie zuhause ankommt. Sie erzählt davon, wie nach dem Fall des Eisernen Vorhangs zwar viele Ausländer hier ihr "Business" machen wollten - aber niemand blieb, um Arbeitsplätze zu schaffen.

Bis heute sei die Stadt erstarrt, der Bürgermeister seit Monaten verschwunden. "Mir tut es leid um die jungen Leute", sagt sie. "Viele haben so eine gute Ausbildung, aber was sollen sie hier? An den Strand gehen? Als Bedienung arbeiten?"

Poroschenko gilt als guter Manager

Deswegen hält sie die Wahlen am Sonntag für wichtig: "Die Menschen hier müssen doch verstehen, dass jetzt alles von ihnen abhängt. Sie müssen ihre Selbstachtung zurückgewinnen." Sie selbst werde für Petro Poroschenko stimmen, sagt sie. "Er ist ein guter Manager und international anerkannt." Das klingt zwar nicht gerade euphorisch, aber sie hält es für wichtig, dass jemand wie er die Ukraine durch die schwierige Zeit führt: "Und wenn es nur für den Moment ist."

Deniz, der junge Filmemacher, wird nicht zur Wahl gehen. Auf die Frage, warum, grinst er etwas verlegen: "Naja, ich hatte bis vor Kurzem die doppelte Staatsbürgerschaft, einen russischen Pass. Den habe ich jetzt abgegeben, aber noch keinen neuen ukrainischen Pass bekommen." Aber was sei schon eine Stimme mehr oder weniger? Anders als Valentina ist es schwer vorstellbar, dass Deniz wegen der Ereignisse verzweifelt. "Die Veränderung ist doch nicht mehr aufzuhalten, wir haben alle auf der ganzen Welt so enge Verbindungen zueinander."

In Deutschland hat er Freunde, hat dort schon Filme gedreht - zum Beispiel einen über Russlanddeutsche. "Die stecken auch zwischen zwei Kulturen, die Leute dort sagen: Das sind Russen. Sie selber aber finden: Wir sind doch Deutsche!" Gerade plant er eine Serie, die er gemeinsam mit Bekannten aus Frankreich und Holland produzieren will. "Das ist es doch, was sich nun langsam ändert in der Ukraine: Die Kunst, der intellektuelle Austausch, das findet mit Europa und mit Russland statt." Das sei ein Vorteil der Globalisierung.

Gerade die jungen Leute in der Ukraine verstünden das. "Wir Ukrainer sind den Russen eigentlich sehr ähnlich. Nur hatten wir eben keinen Putin. Deswegen ist hier alles offener", sagt er. Das gelte besonders für Odessa: "Hier haben immer alle möglichen Leute gewohnt: Russen, Deutsche, Ukrainer, Franzosen, Engländer - Odessa ist eine freie Stadt."

Von Freiheit sprechen auch Ljudmila und der junge Mann vor dem Gewerkschaftshaus: Freiheit, über ihre Zukunft selbst zu bestimmen. In die Wahlen am Sonntag setzen sie keine Hoffnung - "Ach, geht der eine Oligarch, kommt der nächste", sagt Ljudmila verächtlich. Und die Leute können, so klagt sie, nicht einmal mehr Blumen an den Ort legen, an dem am 2. Mai die prorussischen Demonstranten starben. Denn einen Tag später steht der Bauzaun vor dem ausgebrannten Gebäude, kein Durchkommen mehr. In den Fenstern des Gewerkschaftshauses werkeln Bauarbeiter. Bald wird alles neu sein.