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Odessa vor der Präsidentschaftswahl:Irgendwie ukrainisch, irgendwie russisch, irgendwie europäisch

Die Angst vor den Faschisten aus Kiew kennt Deniz gut. Er ist 29 Jahre, Filmemacher, und hat sich in einem Apartment in der Nähe der Oper mit Freunden ein Atelier eingerichtet: "Eizenlab" nennen sie sich, nach dem berühmten sowjetischen Regisseur Sergej Eisenstein, der mit dem Film "Panzerkreuzer Potemkin" weltberühmt wurde. Die Wände sind bunt angemalt, es gibt eine kleine Bibliothek und eine Küche, in der Deniz Tee kocht - mit viel Zucker und Zitrone, wie man ihn hier trinkt. Er kommt aus einer Künstlerfamilie, der Vater ist Regisseur, die Mutter Fotografin. Im Winter war Deniz zu den Protesten in Kiew, auf dem Maidan.

Hannah_Beitzer Odessa

Deniz ist ein junger Filmemacher aus Odessa. Er will sich nicht darauf festlegen, wie er fühlt - als Russe oder als Ukrainer.

(Foto: Hannah Beitzer)

Seine Familie kommt aus dem Donbas, dem Donezbecken, die Großeltern und der Onkel wohnen immer noch dort. "Mein Großvater, der viel russisches Fernsehen sieht, war ganz aufgebracht: Was hängst du mit diesen Bandera-Leuten herum?", sagt Deniz. Stepan Bandera ist ein umstrittener ukrainischer Partisan. Im Zweiten Weltkrieg schlug er sich auf die Seite der Nationalsozialisten und kämpfte gegen die Sowjetunion, wurde aber schließlich von den Deutschen in ein Konzentrationslager gesperrt.

Auf der anderen Seite hat Deniz viele russische Freunde. Der Filmemacher hat in Moskau studiert, danach in Sankt Petersburg gearbeitet. "Da fragen mich dann schon manchmal die Leute hier: Bist du Russe oder was?" Er selbst wisse gar nicht so genau, ob er sich nun als Russe oder als Ukrainer fühle. "Gegen Russland, für Russland, was soll das denn?", sagt er. "Ich spreche Russisch, mein Ukrainisch ist schlecht. Aber trotzdem will ich, dass sich hier was ändert."

Das Gefühl, irgendwie russisch, irgendwie ukrainisch und irgendwie europäisch zu sein - es zieht sich durch alle Gespräche in Odessa. Valentina zum Beispiel fängt bei dem Gedanken an zu weinen, Puschkin, den großen russischen Erzähler, auf Ukrainisch zu lesen. "Ich fühle mich der russischen Kultur verbunden", sagt die 52-Jährige. Und trotzdem stellt sie sich nicht wie Ljudmila an das Gewerkschaftshaus, sondern geht sonntags zur Puschkin-Statue am Hafen, wo sich die Maidan-Bewegung trifft.

Valentina sagt: "Puschkin hat einmal über Odessa gesagt: Hier atmet man den Geist Europas". Schon unter Katharina der Großen, die Odessa gegründet hat, haben hier Menschen aller möglichen Nationalitäten gewohnt und mit Waren gehandelt. "Hafenstädte sind immer freier als andere Städte, diesen Geist kann man nur schwer niederkämpfen", sagt Valentina. In der Sowjetunion hätten die Seeleute und Hafenarbeiter immer wieder Dinge in die Stadt gebracht, die es eigentlich nicht geben durfte: Kleider aus dem Westen, Lebensmittel, den Spiegel, fügt sie hinzu. Valentina arbeitet als Reiseleiterin, führt oft deutsche Touristen durch die Stadt. Doch im Moment kommen keine Touristen, denen sie von Puschkin und Katharina der Großen erzählen kann.