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Odessa vor der Präsidentschaftswahl:Bald wird alles neu

Odessa vor der Wahl

In einem Gewerkschaftshaus in Odessa verbrannten Anfang Mai Dutzende prorussische Demonstranten. Wer dafür verantwortlich ist, ist bis heute unklar.

(Foto: Hannah Beitzer)

So viele Tote, so wenige Antworten: Odessa gilt als Tor zu Europa. Doch vor einigen Wochen starben in der ukrainischen Hafenstadt nach heftigen Ausschreitungen Dutzende prorussische Demonstranten bei einem Brand. Seitdem finden die Bewohner keinen Frieden.

Der Bagger kommt noch vor der Wahl. Dutzende Polizisten stehen rund um das Gewerkschaftshaus in Odessa, halten die Menschen fern von dem Ort, wo am 2. Mai Dutzende prorussische Aktivisten verbrannten. Die Ähnlichkeit zum Maidan in Kiew, wo die Revolution begann, die die Ukraine nun spaltet, sind kaum zu übersehen. Auch hierher haben die Menschen Kerzen, Blumen und Plakate gebracht, die an die Toten erinnern sollen. Und auch hier ist bis heute nicht klar, wer eigentlich verantwortlich ist für das, was geschah. Gerüchte gibt es, das schon: Nationalisten hätten das Gebäude angezündet, Polizisten die Order erhalten, nicht einzugreifen, Chloroform sei gefunden worden. Doch echte Antworten sind diese Spekulationen nicht.

Trotzdem bringt der Bagger schon einmal einen Bauzaun, der die Leute davon abhalten soll, in die Ruine zu steigen. Bisher klettern noch einige darin herum, machen Fotos. Auf den kohlschwarzen Treppen stehen brennende Kerzen, in den zersplitterten Fensterscheiben stecken Nelken, hier und da liegen Glasscherben auf dem rußigen Boden, die Wände sind über und über beschrieben: "Wohl unseren Helden!" und: "Wir werden euch nie vergessen!"

Vor dem Haus stehen ein paar Menschen und sehen murrend zu, wie der Bagger Steine, Wellblech und Schutt umstapelt. "Die wollen, dass die Leute hier nicht mehr herkommen", sagt Ljudmila. Sie ist Anfang 50, trägt das blonde Haar hochgesteckt und helle, offene Absatzschuhe, die es ihr nicht erlauben, in die dreckige Ruine zu klettern.

Odessa vor der Wahl

Blumen erinnern an diejenigen, die bei dem Brand am 2. Mai ums Leben kamen.

(Foto: Hannah Beitzer)

Sie schaut auf ein Plakat, das an einem Bretterverschlag befestigt ist: "Boykottiert die faschistischen Wahlen auf Kosten der einfachen Leute", steht da. Gemeint sind die Wahlen am Sonntag - Odessa wählt einen neuen Bürgermeister, die Ukraine einen neuen Präsidenten. "Das ist so wahr", murmelt Ljudmila. Und: "Schrecklich, es ist so schrecklich."

Sie tritt auf die Polizisten zu, die vor dem Bagger stehen und sagt, nun viel lauter: "Wenigstens ein bisschen hätten sie es doch noch stehenlassen können." Ein junger Mann mischt sich ein. "Überlegt doch mal, wie lange sie die Kerzen und das alles auf dem Maidan gelassen haben", sagt er.

"Auf einmal sollen alle Separatisten sein"

Beide starren wieder auf den Bagger. "Ich habe gehört, sie haben Slawjansk bombardiert", sagt der Mann. Ljudmila bleibt stumm. "Mein Vater lebt in Slawjansk", sagt der junge Mann weiter. "Der ist kein Separatist." Ljudmila nickt: "Auf einmal sollen alle Separatisten sein. Bin ich ein Separatist, wenn ich gegen die Faschisten in Kiew auf die Straße gehe?"

Faschisten. Das Wort hat sich festgesetzt in den Köpfen derer, die mit der Kiewer Übergangsregierung nicht zufrieden sind. Die russischen Fernsehsender, die hier viele sehen, tun alles dafür, dass es dort auch bleibt. Im Gewerkschaftshaus steht es unzählige Male auf die rußigen Wände geschmiert. Faschisten. Faschisten. Faschisten. So oft, dass es - wie das häufig ist, wenn man ein Wort immer und immer wieder sagt - in seine Einzelteile zu zerfallen scheint, keine echte Bedeutung mehr hat. Faschisten. Faschisten. Faschisten.

In Odessa steht das Wort inzwischen für ein Gefühl, das viele im Osten der Ukraine haben: Die da in Kiew machen, was sie wollen. Und wir einfachen Leute müssen es ausbaden. Da passt es gut ins Bild, dass als Favorit für das Präsidentenamt der Unternehmer Petro Poroschenko gilt, einer der reichsten Männer der Ukraine, der in den vergangenen Jahren munter zwischen den politischen Lagern herumsprang.

Ob sie denkt, dass das alles besser wäre, wenn die Ostukraine zu Russland gehören würde? Ljudmila will darauf nicht so recht antworten. "Das Volk soll entscheiden! Das ist doch Demokratie! Aber das wollen die ja natürlich nicht." Wer, "die"? "Na, Timoschenko, Poroschenko, wie sie alle heißen. Die haben sich das doch ausgedacht. Erst haben sie auf dem Maidan auf ihre eigenen Leute schießen lassen und jetzt kommen sie hierher und bringen unsere Leute um."

Ljudmila war nicht dabei auf der Demonstration vor einigen Wochen, die so schrecklich endete. Sie demonstriert eigentlich überhaupt nicht. "Aber jetzt, jetzt bin ich kurz davor. Einfach, weil es mich so ärgert." Ob Odessa nun zu Russland oder zur Ukraine gehört, ist da fast schon egal. Hauptsache es gewinnt nicht die "faschistische Junta" in Kiew, die Oligarchen und Opportunisten, die auf ihr eigenes Volk schießen lassen.