NSU-Prozess:"Nicht jeder Waffenhändler sieht aus wie ein Verbrecher"

Richter Manfred Götzl würde gerne mehr über die Waffendeals und die Händler erfahren, aber der Zeuge ist wenig willig, etwas davon preiszugeben. "Wenn man sieht, wie viele Bandenmitglieder wir waren, können Sie auch meine Situation verstehen, warum ich hier nicht wie ein Märchenbuch plaudere." Er mag sich auch nicht festlegen, ob dann tatsächlich die rechte Szene bewaffnet worden ist. Solche Entscheidungen hätten die Bandenanführer selbst getroffen, das Brüderpaar E., das in Jena jeder gekannt habe.

Die NSU-Ermittler halten es für erwiesen, dass die Česká-Pistole, mit der die NSU-Terroristen neun Menschen ermordet haben, von der Schweiz nach Jena gelangte. Dabei soll ein Schweizer eine Rolle gespielt haben, der zeitweise in Thüringen lebte und mit Enrico T. befreundet war, den wiederum Jens L. gut gekannt habe. Dieser tut nun jedoch vor Gericht so, als kenne er Enrico T. nicht oder kaum, und auch über die Schweizer, mit denen er früher Waffen gehandelt hat, macht er keine näheren Angaben: "Ich kann dazu nichts sagen, das sind normale Leute gewesen. Nicht jeder Waffenhändler sieht aus wie ein Verbrecher."

"Sie bringen mich mit solchen Fragen in große Schwierigkeiten"

Die Angaben des Zeugen bleiben vage, aber bereits seine Andeutungen sind interessant: "Jena ist eine Kleinstadt, und die rechte Szene war mit uns verknüpft." Auffällig ausweichend reagiert Jens L. bei Nachfragen zu den Bandenanführern, dem Brüderpaar Ron und Gil E. Ob diese Mundlos und Böhnhardt gekannt hätten und was der Zeuge dazu konkret in Erinnerung habe? "Sie bringen mich mit solchen Fragen in große Schwierigkeiten, Herr Vorsitzender", sagt der Zeuge. Er wolle nicht nach Hause fahren und dann eine Kugel im Kopf haben.

Jens L. verlangt einen Rechtsbeistand. Nach einer Pause beschließt das Gericht, dem nachzukommen. Der Zeuge muss nun erneut geladen werden. Später sollen auch die Bandenchefs, die Brüder E., befragt werden.

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