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NSU-Prozess:Wie die NSU-Opfer-Anwälte gegen die Behörden kämpfen

NSU Prozess

Arena der Juristen: der Sitzungssaal im Oberlandesgericht München mit der Angeklagten Beate Zschäpe (rechts, stehend).

(Foto: Peter Kneffel/dpa)
  • Seit bekannt wurde, dass ein Anwalt im NSU-Prozess mehrere Jahre lang ein Opfer vertrat, dass es gar nicht gab, haben NSU-Opfer-Anwälte einen schlechten Ruf.
  • Doch viele der Opfer-Anwälte leisten mühevolle Kleinarbeit - auch wenn die Behörden ihnen oft Steine in den Weg legen.

Am Mittwoch haben sie wieder Anlauf genommen. Sie haben die hintersten Winkel der NSU-Akten durchsucht, haben Abhörprotokolle gelesen, Meldungen des Verfassungsschutzes durchwühlt, die Auswertung einer alten Festplatte studiert und dann viele Anträge gestellt.

Die Vertreter der NSU-Opfer haben Fotos von Holger G. aufgestöbert, die ihn bei drei Nazi-Demos im Jahr 2005 zeigen - der Angeklagte aber sagt von sich, er habe sich schon 2002 aus der rechten Szene gelöst. Und sie haben eine Computerauswertung gefunden, wonach Holger G. auf seiner Festplatte drei Dateien mit Paulchen-Panther-Bildern gelöscht hat. Mit solchen hatte der NSU sein Bekennervideo geschnitten. Aber damit will Holger G. nichts zu tun gehabt haben.

Über eine Stunde lang haben die Anwälte der Opferfamilien Simsek und Kubasik geredet. Und wenn ihnen eines gelungen ist, dann, dass in der letzten Reihe der Anklagebank ein Mann bis über beide Ohren rot anläuft und unruhig auf seinem Platz hin und her wetzt: Holger G., einer der engsten Vertrauten des NSU-Trios, der bisher komfortabel unter dem Radar der öffentlichen Aufmerksamkeit blieb. Dabei hatte er dem Trio Pässe und Führerscheine verschafft und hatte mit ihm Urlaub gemacht.

Die Anwälte müssen vor allem eins sein: frustrationsresistent

Nun sitzt er hier und fühlt sich sichtlich unwohl. Für die Vertreter der Nebenklage ist schon das ein Erfolg. "Der weiß viel mehr. Ich verstehe nicht, warum das BKA nicht infrage stellt, dass Holger G. aus der rechten Szene ausgestiegen ist", sagt die Berliner Anwältin Antonia von der Behrens.

Und ihr Kollege Sebastian Scharmer kritisiert: "Die Bundesanwaltschaft sagt, sie habe jeden Stein zum NSU umgedreht. Und dann kommt raus, dass der NSU rund um den Kiosk von Mehmet Kubasik in Dortmund vier Objekte ausgespäht hatte - und die Leute dort wurden nicht mal gefragt, ob sie Verdächtiges wahrgenommen haben."

Die Vertreter der Nebenklage leisten mühevolle Kleinarbeit. Immer wieder lehnt das Gericht ihre Anträge ab zu ermitteln, ob es Helfer des NSU in Nürnberg, in Dortmund, in Kassel gab. Gerade hat das Gericht abgelehnt, den Verbindungen militanter Dortmunder Rechtsradikaler um einen Mann namens "SS-Sigi" zum Mord an Mehmet Kubasik in Dortmund nachzugehen. Es bedeute nichts für die Schuld der Angeklagten, erklärte das Gericht.

Mehr als 80 Opfer lassen sich im NSU-Prozess durch 60 Anwälte vertreten - und diese 60 Anwälte müssen vor allem eines sein: frustrationsresistent. Denn so sehr sie auch ackern, wie hartnäckig sie nachhaken, wie sehr sie Zeugen ins Schwitzen bringen, seit Kurzem werden sie nur noch eines gefragt: Ist dieser Prozess eine Wärmestube für Anwälte? Wie kann ein Anwalt zweieinhalb Jahre lang ein Opfer des NSU vertreten, das es gar nicht gibt?