bedeckt München 11°

Norwegen:Partnerin des Ex-Justizministers hat Angriffe fingiert

Im März 2019 durchsuchte die Polizei das Anwesen des damaligen Justizministers Tor Mikkel Wara.

(Foto: HEIKO JUNGE/AFP)

Nach einem Rassismus-kritischen Theaterstück gehen 2019 üble Drohbriefe bei Norwegens damaligem rechtspopulistischen Justizminister ein. Nun hat ein Gericht dessen Lebenspartnerin schuldig gesprochen, die Angriffe inszeniert zu haben.

Von Kai Strittmatter, Kopenhagen

In einem der spektakulärsten Prozesse der letzten Jahre in Norwegen hat das Osloer Bezirksgericht am Freitagmittag ein Urteil gefällt: Laila Anita Bertheussen, die langjährige Lebensgefährtin des ehemaligen Justizministers Tor Mikkel Wara von der rechtspopulistischen Freiheitspartei FRP, wird wegen "Angriffen auf die Demokratie" und deren "höchste staatliche Stellen" schuldig gesprochen und zu einer Gefängnisstrafe von einem Jahr und acht Monaten verurteilt. Die Richter fällten das Urteil einstimmig.

Laila Anita Bertheussen ist damit überführt, im Jahr 2019 eine Serie von Anschlägen und Drohbriefen auf das Haus ihrer Familie und andere Politiker der Freiheitspartei selbst inszeniert zu haben. Zuletzt war sogar das Auto des Justizministers vor dem Haus der Familie in Flammen aufgegangen. Die Staatsanwaltschaft hatte im Prozess argumentiert, Bertheussen habe mit den Taten den Verdacht auf politische Gegner vor allem im linken Lager lenken wollen. Das war ihr lange auch gelungen: Die Anschläge hatten Norwegen monatelang in Atem gehalten. Die Norweger waren schockiert und zeigten sich lange quer durch alle politischen Lager solidarisch mit Bertheussen und Justizminister Tor Mikkel Wara.

Sogar die Premierministerin griff die Theaterleute an

In Politik und Medien zeigten dabei viele, wie Bertheussen selbst, lange mit dem Finger auf ein experimentelles Theaterstück mit dem Titel "Ways of seeing", das im November 2018 im "Black Box"-Theater in Oslo Premiere gehabt hatte. "Ways of seeing" war ein Stück über offenen und latenten Rassismus in der norwegischen Gesellschaft, vor allem aber darüber, wie rechte und rechtsextreme Netzwerke von Bloggern, Finanziers und Politikern bis ins Herz der norwegischen Politik und Finanzwelt reichen. Für das Stück hatten die Theaterleute die Häuser von einigen der Protagonisten aus der Ferne abgefilmt, darunter auch das Haus von Wara und Bertheussen.

Kurz nach der Premiere des Stückes begannen die Angriffe auf das Haus der Familie: Mülltonnen wurden in Brand gesteckt, Graffiti auf die Wände geschmiert, Drohbriefe landeten im Briefkasten, und am Ende brannte das Auto. Die Angriffe und Briefe waren dabei so inszeniert, dass sie auf Täter aus dem linken oder Migranten-Milieu hindeuteten (eine Wandschmiererei war absichtlich falsch geschrieben - "Rasisit" statt korrekt "Rasist" -, so als sei der Täter des Norwegischen nicht mächtig). Das Gericht erklärte am Freitag, das zentrale Motiv für die Taten Bertheussens sei ihr Ärger über das Theaterstück gewesen. Bertheussen habe "alle verfügbaren Kanäle genutzt, um auf das Stück aufmerksam zu machen", erklärten die Richter in der Urteilsbegründung.

Tor Mikkel Wara

Premierministerin Erna Solberg stellte sich demonstrativ an Tor Mikkel Waras Seite - auch, als er seinen Rücktritt verkündete.

(Foto: Gorm Kallestad/AFP/Gorm Kallestad/AFP)

Bertheussens Inszenierung war lange Zeit erstaunlich erfolgreich, am Ende machten nicht nur FRP-Politiker, sondern sogar Norwegens Premierministerin Erna Solberg "Ways of Seeing" als Bedrohung für die Demokratie aus: Im Parlament sagte Solberg im März 2019, die Theaterleute hätten es in Norwegen "schwieriger gemacht, Politiker zu sein". Das aber war nur ein Tag bevor eine Spezialeinheit des Nachrichtendienstes PST das Haus des Justizministers stürmte und seine Partnerin als Verdächtige festnahm. Der Minister Tor Mikkel Wara trat kurz darauf zurück. Eine spektakuläre Wende in dem Fall, die nun in dem Urteil ein vorläufiges Ende findet.

Sie sei "erleichtert" über das Urteil, sagt die Künstlerin und Schauspielerin Hanan Benammar, die eine der Hauptrollen in "Ways of Seeing" spielt, der SZ. Die Theaterleute beschuldigen Norwegens Medien und auch die politische Mitte in der Affäre "komplett versagt", und die Anschuldigungen von Bertheussen und der FRP bis zu ihrer Festnahme ungeprüft übernommen zu haben. "Es gab so viel Hass gegen uns", sagt Hanan Benammer, "gemischt mit Rassismus und Hass gegen Immigranten." Nein, die Premierministerin Erna Solberg habe sich noch immer nicht bei ihnen entschuldigt. Es sei jedoch "schön, endlich von den Richtern so präzise und klar zu hören, was wirklich geschah".

© SZ
Zur SZ-Startseite
FILE PHOTO: Norwegian Justice Minister Tor Mikkel Wara (2nd R) chats with Norwegian and German military officers in Fredrikstad

Tor Mikkel Wara
:Krimi um Norwegens Justizminister

Die Lebensgefährtin des rechten Politikers soll das Auto des Ministers in Brand gesteckt haben, zuvor waren Hakenkreuz-Schmierereien aufgetaucht. Ermittler rätseln über das mögliche Motiv.

Von Kai Strittmatter

Lesen Sie mehr zum Thema