bedeckt München 21°

Nordkorea:Teuflisch stur

Abgeschlossene Wiederaufbauarbeiten in Nordkorea

Mitglieder der nordkoreanischen Arbeiterpartei versammeln sich, nachdem sie die von einem Taifun beschädigte Infrastruktur wieder aufgebaut haben. Sie tragen eine Schutzmaske, offiziell hat das Land keinen einzigen Corona-Fall bestätigt.

(Foto: dpa)

Das Land schottet sich in der Pandemie noch konsequenter ab, obwohl es offenbar Hilfe bräuchte.

Von Thomas Hahn, Tokio

Nordkorea braucht keine Hilfe. Nordkorea muss eher zusehen, dass nicht irgendwelche Einflüsse von außen das Vertrauen der Menschen in die kommunistische Parteidiktatur unterwandern. So zumindest sieht es aus, wenn man den Berichten der staatlichen Nachrichtenagentur KCNA von der Präsidiumssitzung der Obersten Volksversammlung in Pjöngjang glauben darf. Demnach kommt auf die Bevölkerung in dem verschlossenen Land ein neues Kontrollgesetz zu, welches "das Vordringen und die Verbreitung der antisozialistischen Ideologie und Kultur gründlich verhindern" soll. Es geht um den Kampf gegen Drogenkonsum, aber auch gegen das Abspielen westlicher Musik, wenn man das Gesetzesvorhaben richtig versteht. Das Selbstbewusstsein des Regimes um Staatschef Kim Jong-un scheint also intakt zu sein. Es glaubt besser zu wissen, was für die eigenen Leute gut ist, als jeder hilfsbereite Außenseiter.

Aber ob das auch stimmt? Viele externe Experten sind der Meinung, dass Nordkorea gerade in Zeiten der Pandemie Hilfe braucht. Und sie sehen mit Sorge, dass Nordkorea nicht im "Plan für humanitäre Hilfe 2021" der Vereinten Nationen vorkommt. Im Überblicksreport der UN-Nothilfe-Organisation OCHA ist die Rede davon, dass sich die Welt wegen des Coronavirus in der "tiefsten globalen Rezession seit den 1930ern" befinde.

Seit Januar kommt niemand mehr nach Nordkorea rein

Hilfe für 160 Millionen Menschen sieht besagter Plan deshalb vor. Menschen aus Nordkorea gehören nicht dazu. "Ich finde das ein riesiges Problem", sagt Nazanin Zadeh-Cummings, Forschungsdirektorin am Zentrum für humanitäre Führerschaft der Deakin-Universität in Melbourne. "Wer nicht gut informiert ist, sieht, dass Nordkorea von der Liste genommen wurde, und denkt: Oh, dann werden sie auch keine mehr brauchen - was offenbar nicht der Fall ist."

Denn die UN haben Nordkorea nicht wegen plötzlichen Reichtums von der Liste genommen. Wegen des Coronavirus schottet sich Nordkorea noch konsequenter ab als ohnehin. Seit Januar kommt niemand rein. Die Mitarbeiter der Hilfsorganisationen durften sich nicht aus Pjöngjang herausbewegen. Sie konnten deshalb keine Projekte vorantreiben. Ohne Projekte keine Information über das Befinden der 25,55 Millionen Menschen in Nordkorea. Ohne Information wiederum kein Platz im OCHA-Plan und keine Hilfe. Ein Teufelskreis.

Es gibt Anzeichen dafür, dass es Nordkorea eher nicht gut geht dieser Tage. Die UN-Sanktionen drücken. Schwere Stürme haben das Land heimgesucht. Viele Leute sind arm, Mangelernährung droht. Und das Coronavirus lähmt das Land, weil sein schlechtes Gesundheitssystem keine Infektionswelle verkraften würde.

Kim Jong-un will im Januar einen neuen Fünf-Jahres-Plan vorstellen

Die Lage erfordert offenbar eine neue Strategie. Deshalb findet schon Ende Januar der achte Kongress der Arbeiterpartei statt, ein selten einberufener Verlautbarungskonvent für den Machthaber. Und in ungewohnter Offenheit hat das Zentralkomitee der Partei schon das Thema benannt: Strategien, um die enttäuschende Wirtschaftsentwicklung anzukurbeln. Kim Jong-un werde einen neuen Fünf-Jahres-Plan vorstellen.

Zweiter Hinweis: Anfang November verabschiedete die Oberste Volksversammlung ein Gesetz, das von Unternehmen verlangt, Land, Energie und Kosten einzusparen. "Interessant", sagte der Nordkorea-Forscher Peter Ward dem Portal NK News: "Sie sprechen schon seit einiger Zeit darüber. Aber es gesetzlich zu verankern und auf diese Weise nach vorne zu drängen, ist ein Indikator dafür, dass sie unter erheblichem Ressourcenstress stehen."

40 Diplomaten und internationale Helfer haben am Mittwoch das Land verlassen

Aber Nordkorea bleibt stur. Erst am Mittwoch verließen 40 Diplomaten und Mitarbeiter von Hilfsorganisationen das Land, nachdem das Regime ihnen mitgeteilt hatte, dass die Corona-Beschränkungen so schnell nicht weicher würden. Geblieben sind nach Informationen des Portals NK News nur noch zwei UN-Mitarbeiter des Welt-Ernährungsprogramms und ein anderer Mitarbeiter einer Hilfsorganisation.

Anfang des Jahres waren noch fast 50 UN-Leute in Nordkorea, elf Mitarbeiter des Roten Kreuzes und 13 Vertreter von unabhängigen Hilfsorganisationen. Keith Luse von der amerikanischen Hilfsorganisation NCNK sagt: "Das Land den internationalen Blicken zu entziehen, wird den Neustart humanitärer Programme verzögern und zu unnötigen Toten unter den Verwundbarsten der nordkoreanischen Bevölkerung führen."

Aber so denken Kim Jong-un und sein Umfeld offensichtlich nicht. Vielleicht finden sie es sogar ganz gut, dass gerade kaum noch Ausländer im Land sind. Nordkoreas Menschen sollen glauben: Nordkorea braucht keine Hilfe.

© SZ
Zur SZ-Startseite
Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB