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Nordkorea:Kommunist auf großer Fahrt

Wie gelangt Nordkoreas Diktator immer wieder an deutsche Luxus-Karossen?

Von Paul-Anton Krüger

Nordkorea ist ein armes Land und noch dazu mit den wohl schärfsten Sanktionen des UN-Sicherheitsrats belegt. Selbst China, wichtigster Verbündeter des Regimes von Kim Jong-un, und Russland haben den Strafen zugestimmt. Um Spitzenkader und vor allem die Kim-Familie zu treffen, stehen neben Waffen und Raketenkomponenten seit Jahren auch Luxusartikel auf den Listen der Güter, die nicht in das kommunistische Land exportiert werden dürfen. Legendär war schon Kim Jong-ils Vorliebe für französischen Cognac, italienische Schuhe - und deutsche Limousinen.

Diese Leidenschaft hat der jüngere Kim, der vor zehn Jahren nach dem Tod seines Vaters an die Macht kam, offenkundig geerbt. Beim Besuch des chinesischen Staats- und Parteichefs Xi Jinping im Juni 2019 in Pjöngjang ließ er sich in einem Mercedes-Maybach S650 Guard kutschieren, der laut Hersteller "höchste Exklusivität und Individualität" verspricht. Bei weiteren Terminen, etwa Treffen mit US-Präsident Trump, nutzte er andere gepanzerte Mercedes-Limousinen.

Natürlich hat nicht der Stuttgarter Autobauer die Wagen geliefert. Aber wie kamen sie dann in den Besitz des Diktators?

Ein nun öffentlich gewordener Bericht des UN-Expertenkomitees, das die Einhaltung der Sanktionen im Auftrag des Sicherheitsrats überwacht, zeichnet den Weg der Autos nach. Bekannt war bereits, dass sie von Europa über China und weitere Drittländer nach Pjöngjang gelangten.

Die Experten haben nun aber den Kauf aufgeklärt: Die im italienischen Lanciano ansässige Firma European Cars & More, nach eigenen Angaben ein führender Anbieter für gepanzerte Hochsicherheitsfahrzeuge mit Kunden ausschließlich von staatlichen Stellen und großen Konzernen, kaufte im Februar 2018 laut einem Schreiben ihres Anwalts zwei S600 der gepanzerten Langversion bei Mercedes Roma, Stückpreis 421 926,23 Euro. Allerdings verkaufte sie die Autos sofort weiter an die Firma LS Logistic & Shipping Limited, die Niederlassungen in Rom und Hongkong besaß. Da kosteten die Limousinen jeweils schon 600 000 Euro.

Sie wurden per Lastwagen in die Niederlande gebracht, von wo sie, wie die italienischen Verkäufer nach eigenem Bekunden geglaubt haben, nach Hongkong verschifft werden sollten. Allerdings meldete der Verkäufer die Fahrzeuge in Italien an - und nicht wieder ab. Das sei einer "formlosen Rückkaufvereinbarung" geschuldet gewesen, schreibt der Anwalt. Aufgrund der nicht erfolgten Abmeldung in Italien hatten die Behörden keinen Anhaltspunkt, dass die Autos ins Ausland verkauft wurden.

Tatsächlich gingen sie per Schiff nach Dalian und von dort über Japan, Südkorea und Russland letztlich nach Pjöngjang. Unterwegs wechselte mehrmals der Empfänger, Frachtpapiere wurden manipuliert, Transponder für die Positionsmeldungen von Schiffen abgeschaltet - das kleine Einmaleins der Verschleierung.

Passagen des Berichts sind geschwärzt, aber es ist weiter die Rede von einem Mercedes S600 Guard, einem S650 Maybach und einem S600 Pullman, die 2018 und 2019 geliefert worden seien. Auch Rolls Royce, Lexus, Audi und andere Fabrikate wurden in Nordkorea gesichtet. Kim Jong-un dürfte also über einen Fuhrpark verfügen, der den seines Vaters noch weit übertrifft.

© SZ vom 01.10.2020
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