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Nordkorea:Gesucht: Diktator, jung, boshaft

In Nordkorea wird ein Posten frei für die alleinige Führung einer nuklear bewaffneten Armee und einer seit Jahrzehnten verkrusteten Partei. Ein Kandidat scheint schon gefunden.

Henrik Bork

In Nordkorea, so wird allgemein angenommen, ist ein Führungsposten zu besetzen. Eine Stellenausschreibung dafür könnte etwa so lauten: "Junger Diktator gesucht. Aufgabenbereich: alleinige Führung einer nuklear bewaffneten Armee und einer seit Jahrzehnten verkrusteten, leninistischen Partei. Erforderliche Qualifikationen: hinreichende Boshaftigkeit, um dem Volk vom gedeckten Tisch aus weiter beim Hungern zusehen zu können, sowie Nervenstärke, die es ermöglicht, trotz politischer Spannungen mit den USA und Südkorea wichtigen Hobbys wie Basketball oder Jetski nachgehen zu können. Gute Beziehungen zur Garantiemacht China wären ein Plus."

Drei Generationen und vielleicht bald drei Herrscher: Kim Il-Sung (li.), sein Sohn Kim Jong-Il (mi.) und dessen Sohn Kim Jong-Un (re.), der als neuer Machthaber Nordkoreas gehandelt wird.

(Foto: AFP)

Für besagte Position aber ist wohl keine Suchanzeige nötig, weil sie vermutlich zum zweiten Mal hintereinander in dynastischer Erbfolge vergeben werden wird. Ganz genau weiß das zwar niemand außerhalb des Landes vor der nun für kommende Woche anberaumten Parteikonferenz, doch die bisherige Geschichte Nordkoreas legt es nahe. Kim Jong Il, der auf die Titel "Geliebter Führer" und "General" hört, hatte das Zepter 1994 nach dem Herzinfarkt und Tod seines Vaters Kim Il Sung übernommen. Der Alte wurde posthum dann noch zum "Ewigen Präsidenten" befördert.

Der inzwischen 68-jährige Jung-Diktator Kim Jong Il hat vor zwei Jahren selbst einen Schlaganfall erlitten, so viel gilt als einigermaßen gesichert. Seitdem ist nicht nur sein Kugelbauch verschwunden, auch eine sichtbare Gehbehinderung ist geblieben. Es ist daher nicht auszuschließen, dass sich das "Genie des Denkens und der Theorie" (offizielle Biografie) seither mit dem eigentlich Undenkbaren, der eigenen Endlichkeit, befasst hat.

Anders als der Dynastiegründer, der seinen Zögling Kim Jong Il gezwungen hatte, ihm fast zwei Jahrzehnte lang beim Regieren und Eliminieren von Gegnern zuzuschauen, war der jetzige Regent in dieser Hinsicht gefährlich nachlässig. Sein Lieblingssohn Kim Jong Nam, 39 Jahre alt, ist ganz offensichtlich nicht streng genug erzogen worden, denn er wurde im Jahr 2001 mit einem gefälschten Pass bei der Einreise nach Japan erwischt. Er wolle bloß Tokyo Disneyland besuchen, gab er dümmlich zu Protokoll. Letztes Jahr, bei einem Ausflug nach China, hat er in einem Interview sogar gesagt, er habe "kein Interesse" an der Nachfolge seines Vaters.

Deshalb, und weil aus dem Dunstkreis des südkoreanischen Geheimdienstes entsprechende Andeutungen lanciert worden sind, wird nun allgemein mit einer Thronfolgeregelung zugunsten des 26- oder 27-jährigen Kim Jong Un gerechnet, dem dritten Sohn des Diktators. Angeblich, so behaupten gewöhnlich gut informierte Kreise in Südkorea, sollen schon viele Tausende Porträts des Neuen gedruckt worden sein, die dann wohl bald in allen Wohnzimmern Nordkoreas neben den Porträts von Vater und Großvater die sonst kahlen Wände zieren werden.

Wenn alles nach dem Plan des Herrscherclans Kim verläuft, dann hat der junge Nachfolger noch ein paar Jahre, um sein Netzwerk in Armee und Partei zu festigen und die Kunst strategischer Einweisungen potentieller Rivalen in den Gulag zu studieren. Sollte es hingegen nicht nach Plan laufen, dann könnten sich der Meinung führender Pjöngjang-Astrologen nach die Machtgelüste 70- oder 80-jähriger Genossen rühren und es dürfte eine Phase großer Instabilität des Regimes beginnen.

Die einzigen Beobachter, die vermutlich wirklich wissen, was da gerade so vor sich geht, sind die Führer der Kommunistischen Partei Chinas. Erst kürzlich hat Kim Jong Il ihnen innerhalb kurzer Zeit zum zweiten Mal die Aufwartung gemacht, möglicherweise um den Kleinen vorzustellen, und hat dafür sogar den aus Washington angereisten Jimmy Carter versetzt. Doch die Chinesen behalten ihr Herrschaftswissen für sich.

© SZ vom 22.09.2010/beu

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