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Nordkorea:Dynamik der Eskalation

US-Präsident Donald Trump hat sich im Umgang mit dem nordkoreanischen Präsidenten Kim Jong-un verkalkuliert. Der unterstellt Trump nicht zu Unrecht wahltaktisches Kalkül und bereitet sein Land auf harte Zeiten und einen "neuen Weg" vor.

Eine "schöne Vase" hat sich Donald Trump vom nordkoreanischen Diktator Kim Jong-un gewünscht, angesprochen auf dessen angedrohtes Weihnachtsgeschenk. Und sollte der kleine Raketenmann, wie der US-Präsident ihn 2017 titulierte, seinem Namen wieder die Ehre machen, werde er "mit der Überraschung umgehen, wenn sie eintritt". Eine Überraschung wäre es indes, sollte Kim nach zwei Tests von Triebwerken vor Weihnachten nach Ablauf seines Ultimatums an die USA zum Jahreswechsel nicht zu drastischeren Mitteln greifen.

Washington hat sich lange bemüht, die Serie von Raketenabschüssen herunterzuspielen, mit denen Pjöngjang der Forderung nach einem Kurswechsel der USA Nachdruck zu verleihen versuchte. Hektische diplomatische Bemühungen folgten erst spät. Im Oktober scheiterten in Stockholm Gespräche zwischen den Unterhändlern beider Staaten. Zu lange ist Trump der Selbsttäuschung nachgehangen, er habe den hartleibigen Diktator mit seinem Charme für sich eingenommen und ihm das Versprechen abgehandelt, seine Atomwaffen aufzugeben - die das Regime als seine Lebensversicherung betrachtet.

Das war mindestens naiv und könnte jetzt sehr schnell sehr gefährlich werden. Denn Kim Jong-un hat sich in die Ecke manövriert. Lässt er den Drohungen nun keine Taten folgen, verspielt er seine Glaubwürdigkeit, die sein einziges Kapital ist. Aber auch Trump kann eine Provokation wie den Abschuss einer Rakete mit interkontinentaler Reichweite etwa im Zuge eines Satellitenstarts nicht unbeantwortet lassen. Er hatte ja erklärt, von Nordkorea gehe keine nukleare Bedrohung mehr aus, als ihm Kim ein Moratorium für Raketen- und Atomtests zusagte.

Die Dynamik der Eskalation ist vorgezeichnet. Zumindest in Ostasien ist man zu Recht hoch besorgt. China, Japan und Südkorea fürchten, dass Kim zu den alten Mustern nordkoreanischer Erpressungstaktik zurückkehrt, die schon sein Vater und sein Großvater nutzten. So angespannt die Staaten in ihrem Verhältnis zueinander sind, sie sind sich einig, eine Krise mit dem renitenten Nachbarn vermeiden zu wollen. Die könnte umso gefährlicher werden, da Trump schon in den Wahlkampfmodus wechselt - und sich überdies mit einigen Herausforderungen gleichzeitig konfrontiert sieht: das Amtsenthebungsverfahren, eine ebenso absehbare Eskalation im Atomstreit mit Iran, heikle Gespräche mit den Taliban, die seine Pläne für einen Abzug aus Afghanistan ins Wanken bringen könnten.

Trump hat sich verkalkuliert, und Kim bereitet sein Land auf harte Zeiten vor

Diese Zuspitzung wäre vermeidbar gewesen, hätte Trump den Gipfeln mit Kim ernsthafte Diplomatie folgen lassen. Doch dafür ist seine Regierung zu zerstritten, zu chaotisch, zu schwach. Es fehlt an Führung durch den Präsidenten, das Außenministerium und der Nationale Sicherheitsrat sind ausgezehrt, kaum in der Lage, einen komplexen Verhandlungsprozess zu handhaben. Vor allem aber wollte Trump Kims Atombomben auf dem Silbertablett, statt eine austarierte Abfolge von gegenseitigen Zugeständnissen zu vereinbaren, um für Stabilität zu sorgen.

Kim liegt nicht völlig daneben, wenn er Trump wahltaktisches Kalkül unterstellt. Diese Einsicht hat sich in Pjöngjang schon seit einigen Monaten eingestellt. Und so bereitet Kim sein Land systematisch auf harte Zeiten und seinen "neuen Weg" vor. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass der darin besteht, Präsident Trump schöne Vasen zu schicken.

© SZ vom 27.12.2019
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