Ausgerechnet durch das Waldstraßenviertel. Das ärgert den jungen Mann, der hier in der Leipziger Waldstraße mit einer roten Kerze steht, direkt vor einem Stolperstein, einer kleinen in das Straßenpflaster eingelassenen Gedenktafel, die an die Deportation von Juden im Dritten Reich erinnert. "Das ist das alte jüdische Viertel. Deswegen finde ich es besonders schändlich, dass Legida hier lang geht."
Legida - Leipzig gegen die Islamisierung des Abendlandes - ist ein Ableger der Dresdner Pegida-Demonstrationen. Leipzig ist die Stadt, in der die friedlichen Montagswachen in der DDR begannen, der Geburtsort des Slogans "Wir sind das Volk", den die Dresdner Pegida nun für sich reklamiert. Hier wollte die Bewegung eine zweite Basis aufbauen. Doch der Plan schlägt fehl.
Denn es gelingt Legida zwar, fast 5000 Menschen auf die Straße zu bringen, mehr als in jeder anderen Stadt außerhalb Dresdens. Doch auf der anderen Seite kommen mehr, viel mehr. Der junge Mann mit der Kerze ist nur einer von etwa 30 000 Gegendemonstranten, die Legida von allen Seiten umzingeln. Bereits nachmittags hatte die Polizei das Waldstraßenviertel abgeriegelt. An sieben verschiedenen Orten versammeln sich Gegendemonstranten, ziehen kreuz und quer durchs Quartier.
Sie treffen sich zum Beispiel zum Friedensgebet in der Nikolaikirche - wie damals, in den achtziger Jahren, als in Leipzig erstmals DDR-Bürger "Wir sind das Volk" riefen und schließlich ihr marodes System in einer friedlichen Revolution zu einem Ende brachten. Dass diesen Slogan nun in Dresden und anderswo Teilnehmer der Pegida-Demonstrationen rufen, gefällt vielen Leipzigern gar nicht. Es kommen Studenten, Familien, Politiker, die Straßen sind voller Menschen, ein wenig Sommerfest-Stimmung mitten im Winter. Die Fenster der anliegenden Häuser stehen offen, aus vielen von ihnen klingt ein Lied: Freude, schöner Götterfunken! Die Ode an die Freude von Beethoven, Hymne jenes Europas, dem sich auch Pegida im Namen verpflichtet hat.
Der Teil des Waldstraßenviertels, durch den bald der Pegida-Ableger Legida ziehen soll, liegt dagegen in seltsamer Stille. Kein Mensch auf den Straßen, kein Auto schon seit Stunden, nur wartende Polizisten. Ein paar Leute hasten die Straßen entlang, die Polizei fragt jeden, der vorbei will: Anwohner? Demonstrant? Presse? Und doch rücken die Gegendemonstranten schon nahe an den Versammlungsort der Legida heran, bevor die Versammlung überhaupt anfängt. Immer wieder treffen unterschiedliche Demonstrationszüge aufeinander, umstellen schließlich den Platz vor dem Stadion, auf dem sich Legida trifft.
Männer mit kurzgeschorenen Haaren
Dort stehen vor allem Männer, junge Männer, alte Männer, viele mit kurzgeschorenen Haaren, Armeejacken, Kleidung von Lonsdale, jener Marke, die seit Jahren erfolglos gegen die eigene Beliebtheit in rechten Kreisen ankämpft. Aber auch einige ältere Damen, ein paar Mädchen, Teenager. Vor der heutigen Demonstration gab es eine kurze Diskussion um die Frage: Dürfen die Protestler dort islamkritische Karikaturen der von Islamisten ermordeten Zeichner der Satirezeitschrift Charlie Hebdo zeigen? Die Stadt wollte das erst verbieten, musste dann jedoch nach heftiger Kritik unter anderem des Deutschen Journalisten-Verbandes einlenken.
Auf der Legida-Demonstration ist dann jedoch keine Charlie-Hebdo-Zeichnung in Sicht, stattdessen viele Deutschlandflaggen, außerdem Schilder, die die Abschaffung der GEZ fordern oder vor den Gefahren von "Chemtrails" warnen - so bezeichnen Verschwörungstheoretiker die Kondensstreifen von Flugzeugen, die angeblich mit Chemikalien versetzt sind, um die Bervölkerung gefügig zu machen.
Auf der Bühne spricht eine Rednerin von den Attentaten von Paris: "Vier der Toten waren Juden. Warum warnen unsere Politiker und Medien vor Islamfeindlichkeit? Müssten sie nicht vor Judenfeindlichkeit warnen?" Dass sich bereits zahlreiche Debattenbeiträge mit Antisemitismus in Frankreich beschäftigt haben - geschenkt.
Dass die Menge laut "Lügenpresse, Lügenpresse" skandiert, legt jedoch den Schluss nahe: Um die Anschläge von Paris, die ermordeten Journalisten von Charlie Hebdo geht es hier nicht wirklich. Denn die waren ja Teil der Lügenpresse, die hier als selbstherrliche Elite verachtet wird. Tatsächlich gehört nicht viel Fantasie dazu, sich vorzustellen, was die Ermordeten von Pegida und Co hielten. Es reicht, sich ihre Karikaturen über die inhaltlich verwandte Marine Le Pen anzuschauen.